1 Jahr nach Akustikusneurinom-Operation
Hallo,
hier nun der Versuch, nach Monaten des Lesens als gelegentlicher Besucher dieses Forums, endlich die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen „zum Besten“ zu geben.
„Sie haben einen gutartigen Tumor, ein Akustikusneurinom, am Hörnerv, nicht lebensbedrohlich aber wachsend und auf dem rechten Ohr ihr funktionales Hörvermögen bereits verloren“ - so kurz und knapp fiel die Urteilsverkündung nach erfolgter MRT aus. Der Rest ging im Echo des Gedankenchaos unter – gutartig ? Ein Tumor am Gehirn gutartig ? Gutartig wäre, wenn er von dort schleunigst von selbst den Abgang machen würde – doch was nun ?
Zugegebenermassen begriff ich die Optionen Zuwarten, Bestrahlung, Gamma-Knife sowie die diversen OP-Verfahren in der ersten
Lesung nicht wirklich. „Es besteht keine Eile“ blieb beim Verlassen der Klinik allenfalls noch irgendwo hängen – zusammen mit „gutartig“ war das der Hoffnungsschimmer für die nun folgenden Wochen und Monate.
Es begann irgendwann im Herbst 2007. Auf dem rechten Ohr hörte ich zunehmend schlechter, etwa so, als ob Wasser reingelaufen wäre oder im Flugzeug der Druckausgleich noch nicht geklappt hat. Kein Hörsturz, mehr ein kontinuierliches Nachlassen - alarmierend erst, als beim telefonieren der Hörerwechsel einen plötzlichen Leitungsabbruch suggerierte – die Sprachfrequenz war für das rechte Ohr quasi ausgefiltert. Jetzt schleunigst der Termin beim HNO, Hörtests, Infusionen - in kurzen Abständen wiederholt, brachten keine Besserung – im Januar 2008 dann
„in die Röhre“ und der zweifelsfreie Befund: Akustikusneurinom rechts, 5 x 8 mm raumfordernd.
Allmählich fügten sich zuvor gemachte und länger zurück liegende diffuse Beobachtungen ins Bild. Seit längerem glaubte ich, über Kreislaufbeschwerden und unerklärliche Schwächesymptome zu klagen - doch Blutdruck, Puls und EKG-Werte waren ok – die Erklärung: Dreh- und Schwankschwindelsymptome, mögliche Auswirkung des Akustikusneurinom auf den Vestibularis-Nerv. Auch das kaum auffällige einseitige Taubheitsgefühl bei der Rasur – vermutlich erste Reaktionen des gestressten Facialisnervs, zusammen mit dem bereits malträtierten Hörnerven der Dritte im Bunde - dies alles waren wohl (schon länger) Auswirkungen des ungebetenen Gutartigen...
Was folgte, war die Suche nach der richtigen Antwort – wie geht es weiter und was davon kommt für mich in Frage ? Mein behandelnder HNO tendierte zu einer Operation, Größe des Akustikusneurinom, mein Alter und der allg. Gesundheitszustand sowie die Aussicht auf Erhalt des Hörnervs (Resthörvermögen) favorisierten den neurochirurgischen
suboccipitalen Eingriff hinter dem Ohr (statt durch den Gehörgang).
Die Alternativen Zuwarten und Bestrahlung waren nach eingehender Erörterung eigentlich keine. Letztlich ging es nur noch darum, die Phase zwischen Entscheidung und OP-Termin (Ende April) möglichst kurz zu halten....
Die sechsstündige Operation verlief erfolgreich, die Nacht auf der Intensivstation war erträglich. Mobilisation und Verlegung auf Station am Folgetag – alles erstaunlich unspektakulär. Keine schlimmen Kopfschmerzen, keine Übelkeit, kein schiefes Gesicht – das schwammige Rumeiern war verwirrend, aber keineswegs als über die Maßen belastend empfunden. Wenn das alles war...
War es dann leider nicht. Im postoperativen Verlauf kam es zu einer Liquorfistel und sporadischen Hirnwasseraustritt aus der Nase, die nachfolgende Lumbaldrainage bezeichne ich als Ausgangspunkt eines „Kollateralschadens“, an dessen Folgen ich aktuell immer noch zu knabbern habe. Die folgende Nacht bescherte mir eine so noch nicht gekannte Art von Kopfschmerzen, welche mich bis heute begleiten.
Noch in der Klinik beantragte man eine 3-wöchige Anschlußheilbehandlung (REHA), leider zu früh, wie sich im Nachhinein herausstellte. Die Hälfte der Anwendungen musste aus Schonungsgründen entfallen, schließlich musste die Liquorrhoe verheilen.
Schonung war auch das Programm im sich direkt anschließenden 2 Wochen Urlaub im Heilklima auf Sylt – so sah es die angestrebte Rückkehr in den beruflichen Alltag vor, die Lebensgeister waren gestärkt, Hoffnung und Erleichterung bestimmte die Gemütslage. Anfangs traten die Kopfschmerzen sporadisch auf, wöchentlich 1-2 mal, hielten unterschiedlich lange an und verliefen meist attackenartig.
Als Migränepatient sind mir Kopfschmerzen und deren Verlaufsformen nicht fremd, dies aber war eine andere Qualität. Besonders jede Art von Druckaufbau (Niesen, heben, ziehen) fand ein spontanes Echo im Kopf – es fühlte sich an, als habe man einen Motorradhelm auf und jemand haut einem eine Holzlatte über den Schädel. Nur dass der spontan einsetzende Schmerz verharrte, 10 Minuten, 20 Minuten manchmal 1 Stunde. Beängstigend darüberhinaus war, dass das jederzeit passieren
konnte – so plötzlich, wie ein unkontrolliertes Niesen geschehen kann.
Die Ärzte gaben sich ratlos – die erste Kontroll-MRT wurde vorgezogen, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Nein, nichts auffälliges erkennbar, normaler Heilverlauf, keine Einschlüsse, keine deutlichen Einblutungen. Die Erleichterung darüber vermochte über die beunruhigende Ungewißheit nicht lange dominieren.
Schonung und Geduld – das war der Extrakt zahlloser Arztkonsultationen, die folgen sollten. Augenarzt, Orthopäde (Röntgen und Renken der HWS), HNO, Schmerztherapeuten machten Hoffnung, dass die Zeit die beste Heilung versprach und erwarten ließ. Den mittlerweile alltäglich begleitenden Kopfschmerz auf ein erträgliches Mass zu lindern, sollte trotzdem lange Zeit nicht gelingen. Ich versuchte es mit einem Heilpraktiker und Akupunktur, doch war diesen Schmerzen einfach nicht beizukommen. Längst hatte die schmerzbedingte Schonhaltung einen leidigen Kreislauf in Gang gesetzt, dem erst mit regelmäßigen
krankengymnastischen Behandlungen etwas wirkungsvolles entgegen zu setzen war. Schmerzen vom Aufwachen bis zum Zubettgehen, und zwischendurch immer diese zermürbenden Attacken – warum kann dagegen niemand etwas unternehmen ?
Die Strohhalme drohten auszugehen, spätestens als im Frühjahr – die nächste Kontroll-MRT war bereits erfolgt – die Begutachtung des Operateurs ergab, dass Zusammenhänge zwischen der Operation und dieser Art Kopfschmerzen nach dem gegebenen Zeitraum eher nicht zu ziehen wären. Keine bildhaft darstellbaren Unregelmäßigkeiten - offensichtlich eher ein neurologisches Problem, irgend eine nicht so einfach erklärliche Fehlfunktion der Nerven. OK, längst waren die Phänomene „Schmerzgedächtnis“ und Medikamentenwirkung real, war die Odyssee immer noch vor allem eine Suche nach dem richtigen Schmerzstiller, wenn schon die Ursache nicht auffindbar war.
Nach Verordnung unterschiedlichster Medikamente, mehrerer Neuraltherapien (Lokalanästhetikum, Quaddelinjektionen) und autogenem Training ohne Besserung riet man mir schließlich zu einer Stellatum-Blockade-Therapie. Am treffendsten beschreibt dies der Vergleich mit einer Reset-Taste am PC -durch die Betäubung eines Nervenastes zum Gehirn (Blockade) soll eine Art „Wiederanfahren“ der korrekten Nervensignale erfolgen.
Nach einer Behandlungsserie seit Februar dieses Jahres haben sich nun zum Sommer hin erste Beinflussungen des Schmerzbildes erzielen lassen – zwischen den morgend- und abendlichen Schmerzspitzen verflacht die Kurve auf ein erträgliches Mass. Noch weit von schmerzfrei, aber durch die gleichzeitig verringerte Frequenz der Schmerzattacken ein erkennbarer Silberstreif am Horizont.
Ein über ein dreiviertel Jahr geführtes, tagesaktuell detailliertes Schmerzprotokoll zeugt von Unmengen an Medikamenten, Behandlungen, Verlaufskurven und Schmerzbewertungen. Es war das letzte, was ich mir unter der Zeit der Genesung hätte vorstellen können – und doch vermag es nicht an das heranzureichen, was die quälende Ungewissheit eines bloßen Zuwartens hätte bereithalten können.
Warum ich das so ausführlich beschreibe ?
Nun, weil es im Kern ein Votum für die Entscheidung zur Operation ist.
Meine Beschwerden heute mögen durch die Operation verursacht sein, doch überwiegt die Erleichterung darüber, den „Gutartigen“ offenbar losgeworden zu sein. Bei allen Vorgesprächen über Risiken und Gefahren, bei der Besprechung des „Ausschlussprotokolls“ vor der OP – kein Mensch hatte diese Art „Nebenwirkung“ auf dem Zettel, weil es offenbar keine typische Folge des Eingriffes ist und somit eine statistisch noch viel geringere Wahrscheinlichkeit mit sich bringt, als die Erkrankung am AN selbst.
Ich bereue die Entscheidung zur Operation keine Minute, ich erhebe auch keine Vorwürfe gegen die Operateure – das ist nach meinem Ermessen alles „optimal“ verlaufen. Über die „adäquaten“ Heilungserfahrungen (Schwindel, Tinnitus, Schwerhörigkeit/Gehörlosigkeit) eines Akustikusneurinom-Betroffenen und -Operierten werde ich wohl erst berichten können, wenn sich der Schmerz verabschiedet hat. Dahin zu kommen habe ich weiterhin feste vor...
Allen hier Rat Suchenden und Findenden wünsche ich eine gute Zeit.
Herzliche Grüße
snowdog
