Liebe rucola,
willkommen im Forum -
deine Geschichte „nötigt“ geradezu, den obligatorischen Hinweis
zu wiederholen - allen Neuankömmlingen ist die Empfehlung, sich
zu Beginn auf den IGAN-Infoseiten und anschließend hier im Forum
etwas umzuschauen, die konkreteste Hilfestellung.
Bitte nicht als unterstellende Kritik auffassen, Du hättest dies nicht
getan - sondern als Ermunterung, es auf jeden Fall zu tun.
Warum wiederhole ich dies regelmäßig ?
Weil die Landung hier in der Regel durch eine Ausnahmesituation
bestimmt ist. Die Gefühlslage ist geprägt von einer starken inneren
Unruhe, dabei reicht die Bandbreite von Schockstarre bis nervöse
Ungeduld, von Angstgefühlen und Unsicherheit bis hin zu panikähnlichen
Reaktionen.
Sehr oft ist der Erstkontakt das Ergebnis eines Suchmaschineneintrags –
nach Erhalt der Diagnose „Akustikusneurinom“ den Begriff eingegeben
und man findet hierher. Auf den Infoseiten dann Erklärungen,
Definitionen und Informationen – also jene gesuchte „Erstinformation“
auf die Frage, was mich da eigentlich überhaupt erwischt hat.
An dieser Stelle findet häufig erstmals die inhaltliche Verarbeitung
der ärztlichen Diagnose statt, die Schocknachricht „Hirntumor“,
die der Arzt mitgeteilt hat, wirkt nicht selten betäubend, so dass alle
ergänzende Information kaum mehr aufgenommen wird.
Die Begrüßungsmail im Zuge der Freischaltung soll helfen, sich im
Forum zurechtzufinden. Nicht zufällig auch dort nochmal der Hinweis,
bei drängenden Fragen immer auch in den Themenbereichen zu „forschen“ -
vielleicht finde ich zu meinem vorrangigen Problem bereits aufschlussreiche
Hinweise. Habe ich nichts gefunden, ab mit der Frage ins Forum.
Sorry für die lange Einleitung, vielleicht hilft es dem einen oder
anderen mitlesenden Quereinsteiger - jetzt aber zu deinem Beitrag
und der drängenden Frage:
Ist es vermessen und überkandidelt, darauf zu hoffen, dass man einen OP-Termin hat, alles rausgeschnippelt wird und dann in maximal 4 Wochen wieder am Schreibtisch sitzen kann, um die liegengebliebenen Sachen abzuarbeiten?
Deine Wortwahl und Fragestellung hast Du ja bewusst gewählt,
eigene Zweifel daran schimmern mehr als dezent hindurch

–
in der Tat würde ein „vergiss es“ nicht wirklich weiterhelfen.
Hoffen kannst Du vieles, aber leider passen die Begriffe „vermessen“,
„rausgeschnippelt“ oder auch „maximal 4 Wochen“ nicht zum Problem.
An der Hoffnung auf eine erfolgreiche OP ist natürlich nichts vermessen
oder überkandidelt, jeder wünscht sich einen möglichst glimpflichen
Ablauf, aber im Vorbeigehen ist so ein Tumor nicht so eben operiert,
verheilt und vergessen. Und der Versuch, einen zeitlichen Rahmen zu
fassen, fokussiert ja nicht auf ein „als geheilt entlassen“ sondern mehr
auf eine unvermeidliche Unterbrechung des Alltags.
Oder muss ich VOR dem OP-Termin mein Leben komplett ändern - Selbstständigkeit runterfahren, auf einen Lotto-Gewinn hoffen und dann entspannt die OP machen und 6 Wochen zur Kur fahren?
Wenn Du darin das andere Ende der Fahnenstange vermutest,
droht unter Umständen die nächste Enttäuschung. Davon abgesehen,
ob der Lotto-Gewinn eine realistische Option darstellt (ich spielte
schon vor meiner OP Lotto, danach aus trotziger Revanche zur
statistischen Wahrscheinlichkeit entschieden weiter...

) -
eine 6 Wochenkur solltest Du ohne „Komplettänderung“ deines
Lebens gedanklich durchspielen können. Vom Zeitmaß passt das
ungefähr – OP, Klinikaufenthalt, Anschlussheilbehandlung -
im günstigen Fall kommst Du mit 6 Wochen „Ausfall“ hin.
Leider ist der Hilferuf das eine, die erwartete Hilfe etwas anderes.
Nach den geschilderten Eckdaten liegt der Ursprung der
Tumorerkrankung schon einige Jahre zurück. Du selbst nennst
einen Zeitraum von 10 Jahren (Tinnitusbeschwerden), in der sich
eine sich verändernde Symptomatik entwickelt hat.
Es gehört zur Tücke des AN, dass ihm eine lange, meist verborgen
ungeklärte, Vorgeschichte vorausgeht und auch der Leidensdruck
individuell unterschiedlich aufgebaut wird. Ein rasanter Hörverlust z.B.
wird meist bedrohlicher empfunden als ein jahrelanges latentes
Schwindelgefühl (könnte ja der Blutdruck, Kreislauf, Stress sein...).
Erst das MRT bestätigt oft lange andauernde Beschwerden mit
einer eindeutigen Diagnose.
Mit anderen Worten:
Erkrankt bist Du schon länger, erst jetzt stellt sich aber die
Therapiefrage. Positiv daran: Es gibt mehrere Therapien mit
einer relativ optimistischen Gesamtprognose. Dein Tumor ist behandelbar,
er ist durch eine OP entfernbar und die Chancen auf Erhalt einer guten
Lebensqualität sind sehr gut. Leider ist damit nicht gleichzusetzen,
4-6 Wochen Pause und dann ist alles wie vorher.
Du musst Dich der Situation stellen, einen bisher verfolgten
Lebensplan anpassen zu müssen. Das beginnt mit der konkreten
Ausfallzeit, endet aber nicht damit.
Als Betriebswirt kommt mir aus Studienzeiten immer eine Definition
von Planung „als gedankliche Vorwegnahme zukünftigen Geschehens“
dazwischen – Leben funktioniert so leider nicht, weil die Variablen
so wenig Modell sein wollen...
Viele Betroffene erwähnen oft, man könne sich einen Ausfall
„beruflich“ nicht erlauben und meinen damit die existenzbedrohende
Auswirkung einer Zwangspause. Die Sorge ist real, wird aber durch
das Junktim nicht gelöst. Ein Unfall z.B. schafft Tatsachen, die es
zu bewältigen gilt. Letzterer kommt immer ungeplant, während man
geneigt ist, ein Akustikusneurinom als verhandelbar aufzufassen.
Wie könnte also Hilfe aussehen ?
Du gibst Dir im ersten Teil deines Berichts selbst einen guten Anstoß:
Abwarten kommt nicht in Frage, Du bist relativ jung, Beeinträchtigungen
sind zu erwarten, was weg ist, ist weg.
Optimistisch denken, Kraft und Zuversicht schöpfen, der Tumor ist
heilbar und das Leben geht weiter. Nutze die Informationen im Forum,
vielleicht hilft der direkte Kontakt zu anderen Betroffenen.
Welche Kliniken/Operateure in Frage kommen, kannst Du recherchieren.
Wenn Du das Vertrauen in den gewählten Operateur gefunden hast,
gehst Du den nächsten Schritt.
Ich wünsche Dir die Kraft zur Entscheidung.Kopf hoch, Du schaffst das.
Herzliche Grüße
snowdog