Nach 15 Monaten unverändert Parese; nerve graft oder warten?
Verfasst: 26.02.2012, 16:58
Hallo zusammen -
ich bin 32 Jahre alt und wurde vor 15 1/2 Monaten (9.11.2010) in Tuebingen durch Prof. Tatagiba an einem AN (38x38x33mm) operiert. Seither bin ich rechts taub und leide an einer Facialisparese Grad IV. Laut Operationsbericht konnte der Gesichtsnerv erhalten werden, zum Operationsende konnte noch eine EMG-Antwort im Gesicht gemessen werden. Es gab noch einige Komplikationen (Liquorfistel und Meningitis). Meine Parese hat sich seit der Operation nicht verbessert, der Lidschluss ist genauso unvollstaendig wie am Anfang und Mimik kann ich auch keine beobachten, egal wie sehr ich mich anstrenge. Als einziger Positivpunkt sind manche Leute der Ansicht, mein Gesichtstonus habe sich verbessert - das kann ich selbst nur schwer beurteilen.
Das MRT zeigt gluecklicherweise keine Anzeichen fuer ein Rezidiv; die EMG-Untersuchung im September 2011 und Februar 2012 zeigte jeweils eine minimale innervation des N. facialis, allerdings ohne Besserung in diesen 4 1/2 Monaten.
Direkt nach der Operation sagte mir Prof. Tatagiba, meine Prognose sei ausgezeichnet, der Nerv sei nur beleidigt aber anatomisch intakt. Auch im September 2011 war er noch extrem zuversichtlich und meinte, er sei sich ganz sicher, dass sich die Parese jetzt bald deutlich bessern werde bis dahin, dass man nur bei extremen Bewegungen noch eine Asymmetrie bemerke. Jetzt (Februar 2012) klang er schon etwas skeptischer und zeigte sich sehr ueberrascht, dass ich keine besseren Fortschritte machte. Er meinte, ich wuerde zu wenig ueben und spekulierte auch darueber, ob ich womoeglich im Buero einer zu grossen Strahlenbelastung ausgesetzt sei (ich arbeite als Softwareentwickler im Grossraumbuero vor einem 30" Flachbildschirm).
Dass ich mehr ueben sollte, stimmt wahrscheinlich; ich kann mich nur selten mehr als 2x taeglich 10-15min dazu motivieren; seit dem letzten Beratungsgespraech Anfang Februar habe ich taeglich 4x 15-30min geuebt. Selbst falls das zu wenig ist, kann ich mir aber auch nur schwer vorstellen, dass das alleine diese Diskrepanz erklaert; die Gedanken um die Strahlenbelastung finde ich sogar geradezu abwegig. Prof. Tatagiba will mich im August wiedersehen.
Da ich mir noch weitere Meinungen einholen wollte, war ich noch bei weiteren Aerzten vorstellig:
1.) August 2011 bei Dr. Hadlock, Leiterin des Facial Nerve Centre am Massachusetts Eye and Ear Infirmary in Boston,
2.) September 2011 bei bei Dr. Manfred Frey in Wien
3.) Januar 2012 bei Prof. Paul Fagan in Sydney
Diese drei halten es alle fuer sehr unwahrscheinlich, dass sich mein Gesichtsnerv noch erholt und raten mir zu einem operativen Eingriff. 1.) und 2.) haben mir schnellstmoeglich zu 2x cross face graft (mittels N. suralis) geraten gefolgt 9 Monate spaeter von einem Muskeltransfer, 3.) haelt diesen Eingriff fuer nicht sehr erfolgversprechend und hat mir statt dessen zu einer Hypoglossus-Facialis-Anastomose geraten. Alle drei sind der Ansicht, dass mir die Zeit davonlaeuft, da die Gesichtsmuskulatur und die motorischen Endplatten sonst zu sehr atrophieren. Prof. Tatagiba in Tuebingen dagegen raet mir, einen weiteren operativen Eingriff erst drei Jahre nach der Resektion des AN (also erst November 2013) in Erwaegung zu ziehen. Einen etwaigen cross face nerve graft haelt er nicht fuer eilig, denn laut des EMG sei der Nerv ja erhalten und darum wuerden die Muskeln auch nicht so schnell atrophieren.
Die vier Aerzte, die ich befragt habe, sind also drei ganz unterschiedlicher Meinungen. Ich fuehle mich durch meine Krankheit zwar sozial eingeschraenkt, mein Leidensdruck ist subjektiv aber dennoch ertraeglich. Der mangelnde Lidschluss und die Uhrglasverbaende stoeren mich am meisten, das liesse sich aber womoeglich auch durch ein Platingewicht im Augenlid in den Griff bekommen. Allerdings habe ich mir auch sagen lassen, dass sich die Symptomatik im Laufe der Jahre eher noch verschaerfen wird, da die betroffene Gesichtshaelfte zu verfallen neigt und darum im Laufe der Zeit immer mehr herabhaengt. Davor habe ich Angst und will die Chance fuer einen erfolgreichen nerve graft jetzt nicht vertroedeln. Hat jemand von Euch dazu Erfahrungen?
Eine Hypoglossus-Facialis-Anastomose zumindest kaeme mir nach bisherigem Kenntnisstand riskant vor, denn soweit ich weiss ist das Risiko einer eingeschraenkten Zungenmobilitaet mit Sprach- und Schluckproblemen signifikant; das wuerde ich nur in hoechster Not riskieren wollen. Dass Prof. Tatagiba im Gegensatz zu 1.) und 2.) dem Suralis-Graft so abgeneigt ist, ueberrascht mich dagegen; er scheint die Gesichtsuebungen fuer das Nonplusultra zu halten; Dr. Sue Coulson hier in Sydney, die zumindest in Boston und Wien bekannt und sehr angesehen zu sein schien, war dagegen der Ansicht, die Gesichtsuebungen wuerden ueberhaupt nichts bringen, solange ich keine Bewegung sehe.
Ich waere sehr am Kontakt zu anderen AN-Patienten interessiert, die in einer aehnlichen Situation wie ich waren oder sind und sich fuer die eine oder andere Loesung (Abwarten und weiterueben; Suralis graft; oder Hypoglossus-Anastomose) entschieden haben. Im Thema "Operative Entfernung einer Fazialisparese" haben ja manche schon geschrieben. Will sich sonst noch jemand melden? Bei so viel Uneinigkeit auch der Aerzte weiss ich wirklich nicht mehr, was ich glauben soll.
Viele Gruesse aus Sydney und vielen herzlichen Dank im voraus fuer jegliche Hinweise und Ratschlaege!
purzel
PS. Kurz nach meiner Operation war ich schon hier aktiv: http://www.akustikusneurinom.info/forum ... .php?t=508
ich bin 32 Jahre alt und wurde vor 15 1/2 Monaten (9.11.2010) in Tuebingen durch Prof. Tatagiba an einem AN (38x38x33mm) operiert. Seither bin ich rechts taub und leide an einer Facialisparese Grad IV. Laut Operationsbericht konnte der Gesichtsnerv erhalten werden, zum Operationsende konnte noch eine EMG-Antwort im Gesicht gemessen werden. Es gab noch einige Komplikationen (Liquorfistel und Meningitis). Meine Parese hat sich seit der Operation nicht verbessert, der Lidschluss ist genauso unvollstaendig wie am Anfang und Mimik kann ich auch keine beobachten, egal wie sehr ich mich anstrenge. Als einziger Positivpunkt sind manche Leute der Ansicht, mein Gesichtstonus habe sich verbessert - das kann ich selbst nur schwer beurteilen.
Das MRT zeigt gluecklicherweise keine Anzeichen fuer ein Rezidiv; die EMG-Untersuchung im September 2011 und Februar 2012 zeigte jeweils eine minimale innervation des N. facialis, allerdings ohne Besserung in diesen 4 1/2 Monaten.
Direkt nach der Operation sagte mir Prof. Tatagiba, meine Prognose sei ausgezeichnet, der Nerv sei nur beleidigt aber anatomisch intakt. Auch im September 2011 war er noch extrem zuversichtlich und meinte, er sei sich ganz sicher, dass sich die Parese jetzt bald deutlich bessern werde bis dahin, dass man nur bei extremen Bewegungen noch eine Asymmetrie bemerke. Jetzt (Februar 2012) klang er schon etwas skeptischer und zeigte sich sehr ueberrascht, dass ich keine besseren Fortschritte machte. Er meinte, ich wuerde zu wenig ueben und spekulierte auch darueber, ob ich womoeglich im Buero einer zu grossen Strahlenbelastung ausgesetzt sei (ich arbeite als Softwareentwickler im Grossraumbuero vor einem 30" Flachbildschirm).
Dass ich mehr ueben sollte, stimmt wahrscheinlich; ich kann mich nur selten mehr als 2x taeglich 10-15min dazu motivieren; seit dem letzten Beratungsgespraech Anfang Februar habe ich taeglich 4x 15-30min geuebt. Selbst falls das zu wenig ist, kann ich mir aber auch nur schwer vorstellen, dass das alleine diese Diskrepanz erklaert; die Gedanken um die Strahlenbelastung finde ich sogar geradezu abwegig. Prof. Tatagiba will mich im August wiedersehen.
Da ich mir noch weitere Meinungen einholen wollte, war ich noch bei weiteren Aerzten vorstellig:
1.) August 2011 bei Dr. Hadlock, Leiterin des Facial Nerve Centre am Massachusetts Eye and Ear Infirmary in Boston,
2.) September 2011 bei bei Dr. Manfred Frey in Wien
3.) Januar 2012 bei Prof. Paul Fagan in Sydney
Diese drei halten es alle fuer sehr unwahrscheinlich, dass sich mein Gesichtsnerv noch erholt und raten mir zu einem operativen Eingriff. 1.) und 2.) haben mir schnellstmoeglich zu 2x cross face graft (mittels N. suralis) geraten gefolgt 9 Monate spaeter von einem Muskeltransfer, 3.) haelt diesen Eingriff fuer nicht sehr erfolgversprechend und hat mir statt dessen zu einer Hypoglossus-Facialis-Anastomose geraten. Alle drei sind der Ansicht, dass mir die Zeit davonlaeuft, da die Gesichtsmuskulatur und die motorischen Endplatten sonst zu sehr atrophieren. Prof. Tatagiba in Tuebingen dagegen raet mir, einen weiteren operativen Eingriff erst drei Jahre nach der Resektion des AN (also erst November 2013) in Erwaegung zu ziehen. Einen etwaigen cross face nerve graft haelt er nicht fuer eilig, denn laut des EMG sei der Nerv ja erhalten und darum wuerden die Muskeln auch nicht so schnell atrophieren.
Die vier Aerzte, die ich befragt habe, sind also drei ganz unterschiedlicher Meinungen. Ich fuehle mich durch meine Krankheit zwar sozial eingeschraenkt, mein Leidensdruck ist subjektiv aber dennoch ertraeglich. Der mangelnde Lidschluss und die Uhrglasverbaende stoeren mich am meisten, das liesse sich aber womoeglich auch durch ein Platingewicht im Augenlid in den Griff bekommen. Allerdings habe ich mir auch sagen lassen, dass sich die Symptomatik im Laufe der Jahre eher noch verschaerfen wird, da die betroffene Gesichtshaelfte zu verfallen neigt und darum im Laufe der Zeit immer mehr herabhaengt. Davor habe ich Angst und will die Chance fuer einen erfolgreichen nerve graft jetzt nicht vertroedeln. Hat jemand von Euch dazu Erfahrungen?
Eine Hypoglossus-Facialis-Anastomose zumindest kaeme mir nach bisherigem Kenntnisstand riskant vor, denn soweit ich weiss ist das Risiko einer eingeschraenkten Zungenmobilitaet mit Sprach- und Schluckproblemen signifikant; das wuerde ich nur in hoechster Not riskieren wollen. Dass Prof. Tatagiba im Gegensatz zu 1.) und 2.) dem Suralis-Graft so abgeneigt ist, ueberrascht mich dagegen; er scheint die Gesichtsuebungen fuer das Nonplusultra zu halten; Dr. Sue Coulson hier in Sydney, die zumindest in Boston und Wien bekannt und sehr angesehen zu sein schien, war dagegen der Ansicht, die Gesichtsuebungen wuerden ueberhaupt nichts bringen, solange ich keine Bewegung sehe.
Ich waere sehr am Kontakt zu anderen AN-Patienten interessiert, die in einer aehnlichen Situation wie ich waren oder sind und sich fuer die eine oder andere Loesung (Abwarten und weiterueben; Suralis graft; oder Hypoglossus-Anastomose) entschieden haben. Im Thema "Operative Entfernung einer Fazialisparese" haben ja manche schon geschrieben. Will sich sonst noch jemand melden? Bei so viel Uneinigkeit auch der Aerzte weiss ich wirklich nicht mehr, was ich glauben soll.
Viele Gruesse aus Sydney und vielen herzlichen Dank im voraus fuer jegliche Hinweise und Ratschlaege!
purzel
PS. Kurz nach meiner Operation war ich schon hier aktiv: http://www.akustikusneurinom.info/forum ... .php?t=508