Lieber tizian,
Du wirfst ein vielschichtiges Problem auf.
Was sollten, müssten die Ärzte in einem Aufklärungsgespräch und konkret vor einer OP sagen?
Gibt es dafür Leitlinien: wenn ja, von wem?
Welche Beschwerden nach einer OP sind überhaupt durch den Operateur beeinflussbar?
Welche Beschwerden sind unmittelbare OP-Folgen, also durch sie ausgelöst, und welche sind Folgen derartiger Beschwerden?
Hat der Operateur unvorhersehbare Komplikationen vorgefunden; musste er seine Erststrategie ändern?
Es gibt sicherlich noch weitere Fragen, die hier mit hineinspielen.
Ein paar Gedanken von mir dazu:
Es gibt leider immer noch keine aktuellen Leitlinien für die Krankheit Akustikusneurinom. Ich habe noch die Leitlinien der AWMF und der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie und die der Gesellschaft für HNO aus den Jahren 1999 bzw. 2001. Seitdem wird in Arbeitsgruppen darüber diskutiert, ohne dass ein Ergebnis vorgelegt wurde. Erst im Oktober 2010 habe ich mit Prof. Lennarz als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schädelbasischirurgie darüber gesprochen. Die nächsten Termine, die er damals nannte, sind auch wieder verstrichen.........
In diesen Leitlinien stand Tinnitus als sog. Leitsymptom. Das ist zunächst erst einmal wichtig für die Diagnose.
OP-Beschwerden bzw. -folgen waren überhaupt nicht Bestandteil der Leitlinien. Es bleibt zu erwarten, dass das in der Überarbeitung anders ist. Nichtsdestotrotz muß man von einem AN-erfahrenem Operateur erwarten, dass er dies als eine mögliche OP-Folge nennt. Damit sage ich nicht, dass Tinnitus vermeidbar wäre. Das liegt m.E. fast in Gottes Hand – so, wie er auch in der Zeit vor der OP kommt wie er will.
Depressionen sind m.E. keine unmittelbare OP-Folge, sondern eher eine Reaktion auf schwer belastende OP-Folgen, wie eben z.B. Tinnitus, oder Taubheit und Fazialisparese.
Noch mal zu den Leitlinien: Es bleibt zu hoffen, dass in den überarbeiteten Leitlinien nicht nur die möglichen Therapiefolgen Erwähnung finden, sondern dass auch über den Inhalt des Aufklärungsgespräches etwas geschrieben sein wird. Ich erinnere an das von unserem Mitglied
an diskutierte Problem möglicher Schwindelbeschwerden bei Erhalt eines Astes des Vestibularisnervs.
Wenn ich mit den Leitlinien begonnen habe, dann heißt das nicht, dass ich nicht auch ohne solche Leitlinien von einem guten Arzt erwarte, dass er mich „komplett“ informiert. Aber hier kommt es wohl sehr auf „Aussagen, Zeugen, Beweise“ an. Das kann schwierig werden.
Ich kenne aus dem Forum keinen Fall, der dem Fall von
tizian ähnelt. Ich kann mir aber vorstellen, dass einigen Lesern danach zumute war und ist, auch mal über Vermeidbarkeit, Unterlassung und sogar Schuld zu diskutieren. Aber ich wiederhole hier. Das ist schwierig.
tizian befürchtet, dass der eingesetzte Gutachter nicht neutral urteilen könnte. Was soll ich dazu sagen? Es liegt in der menschlichen Spezies, dass in einzelnen Fällen die verwandtschaftliche, berufliche oder parteiliche Nähe den Blick trübt, mal wenig, mal mehr. Dagegen müsste man dann wieder juristisch vorgehen. Es wird wohl mindestens eine Berufungschance geben, hoffe ich, auch wenn meine Meinung über den Rechtsstaat sehr gelitten hat.....
In der Leipziger Volkszeitung LVZ wird in der Beilage Gesundheit vierzehntäglich über Streitfälle aus den ärztlichen Schlichtungsstellen berichtet. Dort bekommt durchaus nicht nur eine Seite Recht! Die länderorientierten Schlichtungsstellen beurteilen im Auftrag der Ärztekammer Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche von Patienten. Auf der Homepage der Bundesärztekammer steht auf Seite
http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=2.59.5301
mehr über Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen. Auch eine Info-Broschüre ist herabladbar. Und auf
http://www.norddeutsche-schlichtungsste ... links.html
findet man z.B. die Links zu den Länder-Schlichtungsstellen.
Außerhalb des Forums habe ich im November 2008 einen Fall kennengelernt, der juristisch geklärt wurde. Von einer Veröffentlichung im Forum wurde aber Abstand genommen. Wenn mir ein Fall nahegelegt wird, der ähnlich gelagert scheint, könnte ich versuchen, einen vertraulichen Kontakt zu dem Forumleser herzustellen.
Am Schluß habe ich den Wunsch, dass
tizian seinen Fall etwas ausführlicher beschreibt, so dass wir die Ausgangslage (Tumorlage, Tumorgröße, Symptome, seit wann ...), die Entscheidungsfindung und die jetzigen Beschwerden, die zur Berufsunfähigkeit geführt haben, verstehen und seinen bevorstehenden Kampf begleiten können.
Beste Grüße
ANFux