Meine Achterbahn: Späte Diagnose - Operation - OP-Folgen
Verfasst: 04.08.2009, 19:36
Meine Achterbahn. Späte Diagnose - Operation - OP-Folgen.
Mehr als 10 Jahre bin ich bei verschiedenen Ohrenärzten gewesen weil ich immer das Gefühl hatte, mein linkes Ohr sei verstopft. Hören konnte ich fast gleich gut wie rechts, nur das Gefühl – so wie Wasser im Ohr nach dem Schwimmen. Tabletten, Tropfen, Salben... und dann die Frage, ob in der Partnerschaft und am Arbeitsplatz alles in Ordnung ist. Da habe ich vor 3 Jahren beschlossen zu versuchen, das Gefühl zu ignorieren.
Im Frühjahr 2008 bekam ich ziemliche Gleichgewichtsprobleme. Mein Hausarzt war besorgt und schickte mich zum nächsten Ohrenarzt. Dieser hat sehr gründliche Tests gemacht, nichts gefunden, und mir den Neurologen empfohlen. Dieser hat ebenso getestet, nichts gefunden, aber mich „damit wir alles Körperliche ausschließen, bevor wir uns Ihrer Seele zuwenden“ in die Röhre geschickt.
Und ab da, September 2008, hatte das Kind einen Namen.
Mein AN war 8x3,5x3,5 mm groß, rein intrameatal gelegen. Und ich war froh, dass endlich etwas gefunden war und wollte es raus haben. Bestrahlen habe ich wegen den unbekannten Spätfolgen nie wirklich erwogen. Und Tübingen liegt praktisch vor der Haustür. Eigentlich war das „wohin“ keine Frage.
In dieser Zeit habe ich dieses Forum gefunden und (als Internetneuling) auch wiedergefunden. Zu ANFux habe ich Kontakt aufgenommen und bin heute noch sehr dankbar für seine positive Unterstützung.
Im November 2008 wurde ich in der Neurochirurgie in TÜ operiert. Leider musste der Gleichgewichtsnerv durchtrennt werden (war eigentlich klar) und der Hörnerv war auch nicht zu retten. Am Tag nach der OP bekam ich eine Facialisparese. 5 Tage später tropfte Hirnwasser aus der Nase – eine lumbale Liquordrainage wurde gelegt, mein Auge verträgt verschiedene Tropfen nicht, reagiert allergisch, sieht nur noch hell und dunkel – Uhrglasverband Tag und Nacht (bis Mitte März 2009) mit viel Creme.
18 Tage war ich in TÜ und wurde in dieser Zeit von Schwestern und Ärzten und Logopädin und Krankengymnastin sehr gut ver- und umsorgt.
Nach 1 Woche zu Hause folgen 6 Wochen AHB in Gailingen, Schmieder-Klinik. Bald habe ich täglich Logopädie und Gleichgewichtstraining. Das „Rahmenprogramm“ setzt sich aus Fitnesstraining, Körperwahrnehmung, Massage, Bäder, Wassergymnastik, Werken und Seminaren usw. zusammen. In dieser Zeit konnte ich mich ein bisschen in mir sammeln.
Mitte Januar zuckt meine linke Augenbraue zum 1. Mal. Dann macht das Auge ganz leichte Bewegungen. Ende Februar zuckt der Mundwinkel. Beim Essen und Trinken gibt’s sog. Krokodilstränen, Metallgeschmack macht sich an der linken Zungenseite breit.
Wieder zu Hause mache ich 2x/Woche Krankengymnastik, Logopädie und Lymphdrainage weiter. Immer noch.
Bei der Kontrolluntersuchung nach 3 Monaten erkennt der Radiologe einen Resttumor, für TÜ ist es Narbengewebe. Es fällt mir immer schwerer, an das „Alles wird gut“ von allen Seiten zu glauben. Aber ich glaube ans Narbengewebe.
Dann bekomme ich Reizstrom verschrieben. Und das war zu viel! Hätte ich doch die Beiträge von ANFux besser gelesen oder mal gefragt! Das werfe ich mir heute noch vor. Denn in meinem Gesicht findet nach dem 3. Mal (hab dann abgebrochen) eine überschießende Reaktion statt. Beim Essen und Trinken wird das Auge zugeklemmt, der Mundwinkel wird zum Ohr gezogen und die beiden Muskelstränge am Hals seitlich vom Kinn treten zentimeterweit unter der Haut hervor. Die Physiotherapeutin empfiehlt mir eine Matrix-Therapie, aber das spüre ich sofort, dass es mir nicht gut tut.
Zurück nach TÜ – das sind Synkinesien (Nerven wachsen nach und docken falsch an) und es beruhigt sich in 4 Wochen. Nichts beruhigt sich, es wird immer schlimmer. Nachts wache ich auf, weil mein Gesicht zerrt. Tagsüber bin ich mehr mit Entspannung als mit sonst was beschäftigt. Im Liegen geht’s ganz gut, aber sobald Körperspannung da ist, spannt das Gesicht mit. Der ehemals lahme Mundwinkel liegt jetzt höher als der rechte. Als hätte ich dauernd was zum Grinsen.
Überweisung in die Neurologie in TÜ. Dort kennt man das Problem der Verkrampfung vom Spasmus hemifacialis. Und hat ein Mittel dagegen: Botox. Ich werde gründlich aufgeklärt, eigentlich kann nichts schlimmer werden. Nach 1 Stunde sage ich ja und bekomme 3 Spritzen ums Auge, 1 ins Kinn und 4 in den Hals. Am nächsten Morgen wache ich ganz entspannt auf. Das ändert sich aber wieder mit dem Aufstehen. Allerdings – nach ein paar Tagen habe wieder ich die Kontrolle übers Auge, auch beim Essen und der Hals sieht normal aus. Der Mund spannt noch. Im Oktober ist der nächste Termin, weil dann die Wirkung nachlässt.
Manchmal frage ich mich, ob ich das ganze Negativprogramm gebucht habe. Aber manches muss ich mir auch selbst zuschieben. Mit dem Gleichgewicht kämpfe ich immer noch, schnelle Drehungen sind unmöglich (bin ein paar Mal umgefallen), aber ich ziehe Hose und Socken inzwischen wieder im Stehen an. Und Gartenarbeit tut Wunder! Laute, plötzliche Geräusche erschrecken mich immer noch sehr, ich kann die Richtung nicht zuordnen. Mein Auge kratzt manchmal noch, aber die Hornhaut ist ok.
Ich möchte niemandem Angst machen. Aber nicht immer kann alles gut gehen – wer weiß warum?
Erst mal Grüße an die Forumsleser und besonders an ANFux, der mir immer Mut zugesprochen hat. Danke.
inge
Mehr als 10 Jahre bin ich bei verschiedenen Ohrenärzten gewesen weil ich immer das Gefühl hatte, mein linkes Ohr sei verstopft. Hören konnte ich fast gleich gut wie rechts, nur das Gefühl – so wie Wasser im Ohr nach dem Schwimmen. Tabletten, Tropfen, Salben... und dann die Frage, ob in der Partnerschaft und am Arbeitsplatz alles in Ordnung ist. Da habe ich vor 3 Jahren beschlossen zu versuchen, das Gefühl zu ignorieren.
Im Frühjahr 2008 bekam ich ziemliche Gleichgewichtsprobleme. Mein Hausarzt war besorgt und schickte mich zum nächsten Ohrenarzt. Dieser hat sehr gründliche Tests gemacht, nichts gefunden, und mir den Neurologen empfohlen. Dieser hat ebenso getestet, nichts gefunden, aber mich „damit wir alles Körperliche ausschließen, bevor wir uns Ihrer Seele zuwenden“ in die Röhre geschickt.
Und ab da, September 2008, hatte das Kind einen Namen.
Mein AN war 8x3,5x3,5 mm groß, rein intrameatal gelegen. Und ich war froh, dass endlich etwas gefunden war und wollte es raus haben. Bestrahlen habe ich wegen den unbekannten Spätfolgen nie wirklich erwogen. Und Tübingen liegt praktisch vor der Haustür. Eigentlich war das „wohin“ keine Frage.
In dieser Zeit habe ich dieses Forum gefunden und (als Internetneuling) auch wiedergefunden. Zu ANFux habe ich Kontakt aufgenommen und bin heute noch sehr dankbar für seine positive Unterstützung.
Im November 2008 wurde ich in der Neurochirurgie in TÜ operiert. Leider musste der Gleichgewichtsnerv durchtrennt werden (war eigentlich klar) und der Hörnerv war auch nicht zu retten. Am Tag nach der OP bekam ich eine Facialisparese. 5 Tage später tropfte Hirnwasser aus der Nase – eine lumbale Liquordrainage wurde gelegt, mein Auge verträgt verschiedene Tropfen nicht, reagiert allergisch, sieht nur noch hell und dunkel – Uhrglasverband Tag und Nacht (bis Mitte März 2009) mit viel Creme.
18 Tage war ich in TÜ und wurde in dieser Zeit von Schwestern und Ärzten und Logopädin und Krankengymnastin sehr gut ver- und umsorgt.
Nach 1 Woche zu Hause folgen 6 Wochen AHB in Gailingen, Schmieder-Klinik. Bald habe ich täglich Logopädie und Gleichgewichtstraining. Das „Rahmenprogramm“ setzt sich aus Fitnesstraining, Körperwahrnehmung, Massage, Bäder, Wassergymnastik, Werken und Seminaren usw. zusammen. In dieser Zeit konnte ich mich ein bisschen in mir sammeln.
Mitte Januar zuckt meine linke Augenbraue zum 1. Mal. Dann macht das Auge ganz leichte Bewegungen. Ende Februar zuckt der Mundwinkel. Beim Essen und Trinken gibt’s sog. Krokodilstränen, Metallgeschmack macht sich an der linken Zungenseite breit.
Wieder zu Hause mache ich 2x/Woche Krankengymnastik, Logopädie und Lymphdrainage weiter. Immer noch.
Bei der Kontrolluntersuchung nach 3 Monaten erkennt der Radiologe einen Resttumor, für TÜ ist es Narbengewebe. Es fällt mir immer schwerer, an das „Alles wird gut“ von allen Seiten zu glauben. Aber ich glaube ans Narbengewebe.
Dann bekomme ich Reizstrom verschrieben. Und das war zu viel! Hätte ich doch die Beiträge von ANFux besser gelesen oder mal gefragt! Das werfe ich mir heute noch vor. Denn in meinem Gesicht findet nach dem 3. Mal (hab dann abgebrochen) eine überschießende Reaktion statt. Beim Essen und Trinken wird das Auge zugeklemmt, der Mundwinkel wird zum Ohr gezogen und die beiden Muskelstränge am Hals seitlich vom Kinn treten zentimeterweit unter der Haut hervor. Die Physiotherapeutin empfiehlt mir eine Matrix-Therapie, aber das spüre ich sofort, dass es mir nicht gut tut.
Zurück nach TÜ – das sind Synkinesien (Nerven wachsen nach und docken falsch an) und es beruhigt sich in 4 Wochen. Nichts beruhigt sich, es wird immer schlimmer. Nachts wache ich auf, weil mein Gesicht zerrt. Tagsüber bin ich mehr mit Entspannung als mit sonst was beschäftigt. Im Liegen geht’s ganz gut, aber sobald Körperspannung da ist, spannt das Gesicht mit. Der ehemals lahme Mundwinkel liegt jetzt höher als der rechte. Als hätte ich dauernd was zum Grinsen.
Überweisung in die Neurologie in TÜ. Dort kennt man das Problem der Verkrampfung vom Spasmus hemifacialis. Und hat ein Mittel dagegen: Botox. Ich werde gründlich aufgeklärt, eigentlich kann nichts schlimmer werden. Nach 1 Stunde sage ich ja und bekomme 3 Spritzen ums Auge, 1 ins Kinn und 4 in den Hals. Am nächsten Morgen wache ich ganz entspannt auf. Das ändert sich aber wieder mit dem Aufstehen. Allerdings – nach ein paar Tagen habe wieder ich die Kontrolle übers Auge, auch beim Essen und der Hals sieht normal aus. Der Mund spannt noch. Im Oktober ist der nächste Termin, weil dann die Wirkung nachlässt.
Manchmal frage ich mich, ob ich das ganze Negativprogramm gebucht habe. Aber manches muss ich mir auch selbst zuschieben. Mit dem Gleichgewicht kämpfe ich immer noch, schnelle Drehungen sind unmöglich (bin ein paar Mal umgefallen), aber ich ziehe Hose und Socken inzwischen wieder im Stehen an. Und Gartenarbeit tut Wunder! Laute, plötzliche Geräusche erschrecken mich immer noch sehr, ich kann die Richtung nicht zuordnen. Mein Auge kratzt manchmal noch, aber die Hornhaut ist ok.
Ich möchte niemandem Angst machen. Aber nicht immer kann alles gut gehen – wer weiß warum?
Erst mal Grüße an die Forumsleser und besonders an ANFux, der mir immer Mut zugesprochen hat. Danke.
inge