Liebe Felipina, liebe Mitdiskutanten und Forenleser,
ich möchte an dieser Stelle ein paar persönliche Anmerkungen zu diesem Thema machen,
als Nicht-Hörgerät-Betroffener fehlen ja die spezifischen Erfahrungen
Viele mit einseitiger Taubheit oder massivem Hörverlust sind auch mit Tinnitussymptomen
konfrontiert - die Ursachen sind, wenn auch individuell unterschiedlich, auf einen Verlust
des Hörvermögens zurückzuführen. Ausgehend davon, daß Menschen ohne Hörbehinderung
auch unter massiven Tinnitusbeschwerden leiden können, ist eine weiterreichende
Betrachtung bei der Diagnosestellung geboten.
Persönlich hatte ich vor der AN-OP mit Ohrgeräuschen (subjektiv keiner Seite eindeutig
zuzuordnen) zu schaffen, die unterschiedlich beeinträchtigend, glücklicherweise aber
erträglich auftraten. Nach der OP, bei der der Hörnerv erhalten werden konnte (!) und
einseitigem Hörverlust, war der Tinnitus geblieben. Nun aber sehr variierend in seiner
Ausprägung (Heftigkeit, Lautstärke, Frequenz) und durchaus reagierend auf Reizzustände.
Diese können sehr vielfältig sein, wie etwa Anstrengung, Lärm, Erschöpfung, Aufregung
(auch innere Unruhe). Der Umgang damit gelang mit der Zeit und verbesserter Sensibilisierung
etwas besser, auch, weil durch Veränderungen (Stille aufsuchen, Entspannungstechniken,
frische Luft, Ausruhen ("Power nap")) eine Einflussnahme möglich blieb.
Vielleicht lag es an den unangenehmen Erfahrungen erster Hörgerätetests, aber das
Ertragen der technischen Geräuschverstärkung als Kompensation zu erlittenem Hörverlust
war von Beginn an enttäuschend und keine empfundene Verbesserung. Im Gegenteil, nach
Beenden der Tragephasen blieb ein Gefühl einer "Ohrfeige" und teilweise heftigen
"Betriebsgeräuschen" bis zum Erholungszustand. Danach akzeptierte ich meinen Tinnitus
als eine Art Signalgeber und konnte mich damit arrangieren.
Nun bleibt unbestritten, dass der Ausfall eines Sinnesorgans eine gravierende Belastung
für den Organismus bedeutet. Was bei völligem Verlust (Blindheit, vollständige Taubheit)
auf der Hand liegt, ist bei hälftigem Ausfall plausibel. Das Gehirn leistet über die
Kompensation hinaus Höchstleistungen, filtert, verarbeitet, analysiert eine körperliche
Grundfunktion mithilfe eines beschädigten Sensor(systems). Gewöhnung ist ein subjektiver
Prozess, fehlende räumliche Wahrnehmung ist nicht kompensierbar und so scheint das
Martinshorn eben aus jeder Richtung zu kommen. Wir können uns daran "gewöhnen",
auf der einen Seite nichts mehr zu hören, Gesprächspartnern die "richtige" Seite zuwenden,
mit angespannter Konzentration und Lippenlesen Nutzsignale aufzuschnappen versuchen -
das Gehirn entlasten und eine nicht mehr gegebene Leistungsfähigkeit aufrechterhalten
können wir nicht.
Eine Therapeutin eröffnete mir, dass einseitige Taubheit gleichbedeutend mit
einer verbleibenden nur noch fünfzigprozentiger Belastbarkeit einherginge.
Wo konzentriertes Folgen einer Diskussion bei Gesunden eine Stunde lang möglich ist,
ist hier nach dreißig Minuten die Grenze erreicht. Und das gilt nicht nur für das
"verstehende" Hören, es gilt für die allgemeine Leistungsfähigkeit.
Der Tinnitus funkt bei grenzwertiger Belastung, leider aber nicht nur dann.
Wenn er auf zu setzende Impulse reagiert, bleibt eine gute Chance, mit ihm
besser klarzukommen.
Vielleicht ist auch anderen aufgefallen, dass ein Hersteller von Hörgeräten für den
Einsatz seiner Systeme u.a. wirbt, weil Betroffene mit Hörbehinderung ein erhöhtes
Demenzrisiko trügen. Studien die das belegen, sind mir leider nicht bekannt.
Es wäre allerdings ein Grund, der in die Entscheidung mit einfließen sollte...
Beste Grüße
snowdog