Mein postoperativer Zustand - Erfahrungsbericht von ANFux
Verfasst: 31.10.2007, 20:41
Liebe Forumsteilnehmer,
es tut mir Leid, dass ich auf einige konkrete Anreden nicht schon geantwortet habe, aber ich war zwei Wochen lang im Urlaub an der Ostsee, natürlich ohne PC.
Ich möchte auf einige Beiträge in anderen Rubriken eingehen, in denen die Angst vor postoperativen Beschwerden mitschwingt.
Solche können, müssen aber nicht auftreten, zumindest nicht massive und dauerhafte! Wenn man Angst vor solchen „Folgen“ hat und die Entscheidung für eine OP davon abhängig macht, muss man sich unbedingt den Zustand bewusst machen, in dem man vor der OP ist. Das sollte der Ausgangspunkt aller Überlegungen sein! Läßt man den Tumor im Kopf, dann verschlechtert sich in den meisten Fällen der Zustand, wenn auch meist langsam. Die Frage ist dann: Verhindert die OP eine Verschlechterung meines jetzigen Zustandes oder gelingt sogar eine Verbesserung desselben?
Ich möchte „meinen Fall“ schildern:
1989 erlebte ich zum ersten Male während eines Diskussionsforums einen leichten Schwankschwindel. Das hätte lediglich Aufregung sein können, aber er trat bald wieder auf. Es war die politisch turbulente Zeit in Deutschland, ich war sehr engagiert, und so glaubten alle konsultierten Ärzte, es wäre ein psychosomatisches Problem. Mit dem Schwindel traten Pulsrasen, Engegefühl in Brust und Kehle auf, zuweilen hatte ich regelrechte Todesangst – passte auch ins Bild. Alle Untersuchungen bewiesen aber, dass kein organisches Herz-Kreislaufproblem existierte.
1992 dann ein Hörsturz beim Frühstück, dazu das Gefühl, eine dicke, taube Backe zu haben. Zehn Tage Infusion in einer HNO-Klinik brachten das Gehör und die kleine Gesichtslähmung zurück. Fast auf den Tag genau Hörstürze nach jeweils einem Jahr 1993 und 1994. Dazwischen immer mal wieder Schwankschwindel mit Herzrasen. Ein Herzspray war mein ständiger Begleiter. Ich hatte Angst, so einen „Anfall“ an einer unpassenden Stelle zur unpassenden Zeit zu erleiden.1994 kam das Gehör trotz Infusionen nicht wieder voll zurück. Aber ich hatte Glück.
Die Unikliniken Leipzig hatten in diesem Jahr ein MRT-Gerät erhalten. (Bis dahin gab es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nur ein Gerät in Berlin.)So wurde das AN entdeckt, das mit allen anderen von den Leipziger Ärzten angewendeten Diagnoseverfahren nicht entdeckt worden war und nicht entdeckt werden konnte.
Nun sahen alle Ärzte meine Probleme in einem anderen Licht, auch ich selbst. Ich hatte die Chance, die lästigen, Angst machenden „Kreislauf-beschwerden“ los zu werden.
Zwischen Diagnose und OP lagen nur 10 Wochen und zwei Konsultationen bei zwei Ärzten. Beim zweiten stimmte die Chemie. Es war Herr Prof. Dr. Freigang, HNO-Chirurg in Magdeburg.
Wie erging es mir nach der OP?
Ich war damals 55 Jahre alt. Direkte OP-Beschwerden bzw. –schmerzen hatte ich nicht (siehe mein Beitrag in der Rubrik Angst). Riechen, Schmecken, Sehen, Sprechen – das war alles wie immer. Ich hatte keine Gesichtslähmung, auch nicht zeitweilig.
Der Gleichgewichtsnerv musste bei der OP wie meist durchtrennt werden. Nach dem Aufwachen zuckten die Wand- und Deckenkanten mit jedem Augenschlag, ich bekam sie nicht übereinander bzw. aneinander. Das ging zwei bis drei Tage so. Nach zwei Tagen konnte ich trotzdem freihändig vor dem Bett stehen und dann auch die ersten Schritte tun.
Hörtests ergaben, dass ich auf dem operierten Ohr taub war, obwohl der Hörnerv erhalten worden war. Die Gründe wären einen anderen Beitrag wert. Ich hörte einige Wochen beim Ruhigliegen meinen Pulsschlag im Kopf als leises Klopfen. Das gab sich dann.
Meine Empfindungen beim Gehen schilderte ich meinem Operateur damals so: Mir ist, als ob mein Kopf wie ein übermäßig großer Kürbis auf einem langen dünnen Besenstiel sitzt und beim Gehen wackelt, federt. Die Welt vor mir sehe ich so, wie sie eine Kamera sieht, die am Helm eines Skifahrers befestigt ist, der für das Fernsehen eine wellige Abfahrtspiste hinabfährt. Mit intensivem Training habe ich dieses „Sehen“ bekämpft und bald beseitigt (auch dazu später mehr, wenn es interessiert). Das Gehen in der Dämmerung oder gar im Dunkeln war anfangs schwierig. Das Auge kann dann seine Ersatzfunktion für das ausgefallene Gleichgewichts-system nicht voll ausüben. Auch hier brachte Training viel Besserung, bei völliger Dunkelheit gehe ich aber immer noch unsicher, mancher Gesunde allerdings auch!
Die „Herzprobleme“ waren weg! Aber: Anders als früher, als jede Stunde Schlaf mir verlorene Zeit schien, suchte und genoß ich danach eine kleine Mittagspause. Ich konnte mich zu alter Leistungsstärke zwingen, aber eben zwingen, eine Pause ab und zu tat und tut gut.
Nach rund 10 Wochen setzte ich mich zum ersten Male wieder auf ein Fahrrad - im Freien, nach einem halben Jahr wieder hinters Autosteuer (was früher möglich gewesen wäre, aber ich hielt mich an die Empfehlung). Beim Radfahren muß ich auch heute noch darauf verzichten, den Kopf weit nach hinten zu drehen, wenn ich abbiegen will. Da werde ich unsicher. Nach knapp einem Jahr war ich wieder in den Bergen zum Wandern. Auch Skifahren auf Langlaufskiern ging wieder. Erst nach acht Monaten ging ich zu einer Reha-Kur (Auch dazu an anderer Stelle bei Bedarf mehr, denn ich habe die erste Phase der Reha ambulant und mit viel Eigeninitiative gemacht). Mit der Arbeit (anfangs verkürzt) hatte ich nach sieben Monaten wieder angefangen (im Management einer Konzernniederlassung).
Die einseitige Taubheit hat zur Folge, dass kein Richtungshören mehr möglich ist. Das stört den Musikgenuß jedoch überhaupt nicht. Aber es ist lästig in einer Umgebung mit einem gewissen Grundpegel oder background (Gaststätten, Kaufhäuser) und bei Geräuschen mit einer bestimmten Frequenz (grelle Kinderstimmen, stark rauschendes Wasser). Die Gründe sind, weil meist eine Überempfindlichkeit für hohe Töne in dem gesunden Ohr eintritt und weil keine Selektion bestimmter gewollter Töne und Geräusche mehr möglich ist. Man darf sich hier aber nicht unterkriegen lassen und solche Umgebungen ganz meiden, sonst treibt man sich ja selbst in die Isolation.
Alles in allem habe ich durch die OP gewonnen, den Zustand vor der OP verbessert, wenn auch für den Preis des Hörverlustes auf einer Seite. Ich habe meine Entscheidung nie bereut. Theoretisch hätte ein Warten infolge verbesserter OP-Techniken meine Chancen auf einen Hörerhalt erhöht, aber wer weiß, wie der vierte Hörsturz geendet hätte?
Ich hoffe, einigen Ratsuchenden ein paar Ansätze zum Überlegen gegeben und einigen Mut gemacht zu haben. Wer vertiefende Fragen hat – bitte stellen.
Ich verbleibe mit den besten Wünschen
ANFux.
es tut mir Leid, dass ich auf einige konkrete Anreden nicht schon geantwortet habe, aber ich war zwei Wochen lang im Urlaub an der Ostsee, natürlich ohne PC.
Ich möchte auf einige Beiträge in anderen Rubriken eingehen, in denen die Angst vor postoperativen Beschwerden mitschwingt.
Solche können, müssen aber nicht auftreten, zumindest nicht massive und dauerhafte! Wenn man Angst vor solchen „Folgen“ hat und die Entscheidung für eine OP davon abhängig macht, muss man sich unbedingt den Zustand bewusst machen, in dem man vor der OP ist. Das sollte der Ausgangspunkt aller Überlegungen sein! Läßt man den Tumor im Kopf, dann verschlechtert sich in den meisten Fällen der Zustand, wenn auch meist langsam. Die Frage ist dann: Verhindert die OP eine Verschlechterung meines jetzigen Zustandes oder gelingt sogar eine Verbesserung desselben?
Ich möchte „meinen Fall“ schildern:
1989 erlebte ich zum ersten Male während eines Diskussionsforums einen leichten Schwankschwindel. Das hätte lediglich Aufregung sein können, aber er trat bald wieder auf. Es war die politisch turbulente Zeit in Deutschland, ich war sehr engagiert, und so glaubten alle konsultierten Ärzte, es wäre ein psychosomatisches Problem. Mit dem Schwindel traten Pulsrasen, Engegefühl in Brust und Kehle auf, zuweilen hatte ich regelrechte Todesangst – passte auch ins Bild. Alle Untersuchungen bewiesen aber, dass kein organisches Herz-Kreislaufproblem existierte.
1992 dann ein Hörsturz beim Frühstück, dazu das Gefühl, eine dicke, taube Backe zu haben. Zehn Tage Infusion in einer HNO-Klinik brachten das Gehör und die kleine Gesichtslähmung zurück. Fast auf den Tag genau Hörstürze nach jeweils einem Jahr 1993 und 1994. Dazwischen immer mal wieder Schwankschwindel mit Herzrasen. Ein Herzspray war mein ständiger Begleiter. Ich hatte Angst, so einen „Anfall“ an einer unpassenden Stelle zur unpassenden Zeit zu erleiden.1994 kam das Gehör trotz Infusionen nicht wieder voll zurück. Aber ich hatte Glück.
Die Unikliniken Leipzig hatten in diesem Jahr ein MRT-Gerät erhalten. (Bis dahin gab es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nur ein Gerät in Berlin.)So wurde das AN entdeckt, das mit allen anderen von den Leipziger Ärzten angewendeten Diagnoseverfahren nicht entdeckt worden war und nicht entdeckt werden konnte.
Nun sahen alle Ärzte meine Probleme in einem anderen Licht, auch ich selbst. Ich hatte die Chance, die lästigen, Angst machenden „Kreislauf-beschwerden“ los zu werden.
Zwischen Diagnose und OP lagen nur 10 Wochen und zwei Konsultationen bei zwei Ärzten. Beim zweiten stimmte die Chemie. Es war Herr Prof. Dr. Freigang, HNO-Chirurg in Magdeburg.
Wie erging es mir nach der OP?
Ich war damals 55 Jahre alt. Direkte OP-Beschwerden bzw. –schmerzen hatte ich nicht (siehe mein Beitrag in der Rubrik Angst). Riechen, Schmecken, Sehen, Sprechen – das war alles wie immer. Ich hatte keine Gesichtslähmung, auch nicht zeitweilig.
Der Gleichgewichtsnerv musste bei der OP wie meist durchtrennt werden. Nach dem Aufwachen zuckten die Wand- und Deckenkanten mit jedem Augenschlag, ich bekam sie nicht übereinander bzw. aneinander. Das ging zwei bis drei Tage so. Nach zwei Tagen konnte ich trotzdem freihändig vor dem Bett stehen und dann auch die ersten Schritte tun.
Hörtests ergaben, dass ich auf dem operierten Ohr taub war, obwohl der Hörnerv erhalten worden war. Die Gründe wären einen anderen Beitrag wert. Ich hörte einige Wochen beim Ruhigliegen meinen Pulsschlag im Kopf als leises Klopfen. Das gab sich dann.
Meine Empfindungen beim Gehen schilderte ich meinem Operateur damals so: Mir ist, als ob mein Kopf wie ein übermäßig großer Kürbis auf einem langen dünnen Besenstiel sitzt und beim Gehen wackelt, federt. Die Welt vor mir sehe ich so, wie sie eine Kamera sieht, die am Helm eines Skifahrers befestigt ist, der für das Fernsehen eine wellige Abfahrtspiste hinabfährt. Mit intensivem Training habe ich dieses „Sehen“ bekämpft und bald beseitigt (auch dazu später mehr, wenn es interessiert). Das Gehen in der Dämmerung oder gar im Dunkeln war anfangs schwierig. Das Auge kann dann seine Ersatzfunktion für das ausgefallene Gleichgewichts-system nicht voll ausüben. Auch hier brachte Training viel Besserung, bei völliger Dunkelheit gehe ich aber immer noch unsicher, mancher Gesunde allerdings auch!
Die „Herzprobleme“ waren weg! Aber: Anders als früher, als jede Stunde Schlaf mir verlorene Zeit schien, suchte und genoß ich danach eine kleine Mittagspause. Ich konnte mich zu alter Leistungsstärke zwingen, aber eben zwingen, eine Pause ab und zu tat und tut gut.
Nach rund 10 Wochen setzte ich mich zum ersten Male wieder auf ein Fahrrad - im Freien, nach einem halben Jahr wieder hinters Autosteuer (was früher möglich gewesen wäre, aber ich hielt mich an die Empfehlung). Beim Radfahren muß ich auch heute noch darauf verzichten, den Kopf weit nach hinten zu drehen, wenn ich abbiegen will. Da werde ich unsicher. Nach knapp einem Jahr war ich wieder in den Bergen zum Wandern. Auch Skifahren auf Langlaufskiern ging wieder. Erst nach acht Monaten ging ich zu einer Reha-Kur (Auch dazu an anderer Stelle bei Bedarf mehr, denn ich habe die erste Phase der Reha ambulant und mit viel Eigeninitiative gemacht). Mit der Arbeit (anfangs verkürzt) hatte ich nach sieben Monaten wieder angefangen (im Management einer Konzernniederlassung).
Die einseitige Taubheit hat zur Folge, dass kein Richtungshören mehr möglich ist. Das stört den Musikgenuß jedoch überhaupt nicht. Aber es ist lästig in einer Umgebung mit einem gewissen Grundpegel oder background (Gaststätten, Kaufhäuser) und bei Geräuschen mit einer bestimmten Frequenz (grelle Kinderstimmen, stark rauschendes Wasser). Die Gründe sind, weil meist eine Überempfindlichkeit für hohe Töne in dem gesunden Ohr eintritt und weil keine Selektion bestimmter gewollter Töne und Geräusche mehr möglich ist. Man darf sich hier aber nicht unterkriegen lassen und solche Umgebungen ganz meiden, sonst treibt man sich ja selbst in die Isolation.
Alles in allem habe ich durch die OP gewonnen, den Zustand vor der OP verbessert, wenn auch für den Preis des Hörverlustes auf einer Seite. Ich habe meine Entscheidung nie bereut. Theoretisch hätte ein Warten infolge verbesserter OP-Techniken meine Chancen auf einen Hörerhalt erhöht, aber wer weiß, wie der vierte Hörsturz geendet hätte?
Ich hoffe, einigen Ratsuchenden ein paar Ansätze zum Überlegen gegeben und einigen Mut gemacht zu haben. Wer vertiefende Fragen hat – bitte stellen.
Ich verbleibe mit den besten Wünschen
ANFux.