ich möchte mich gerne zunächst einmal vorstellen: Ich bin mittlerweile 60 Jahre alt,
weiblich, verheiratet, habe 2 erwachsene Söhne, lebe in Wien und seit 39 Jahren mit den Folgen meiner AN OP 1979 im AKH Wien. Zum Zeitpunkt meiner OP war ich 21 Jahre jung und zugegebenermaßen relativ blauäugig, besonders, was Krankheiten betrifft. Heute sehe ich diese Blauäugigkeit als etwas durchaus Positives, ich wäre andernfalls wahrscheinlich SO nicht aus der ganzen Geschichte herausgekommen.
Der Weg zu meiner OP war ein etwas merkwürdiger - jahrelang hatte ich bereits mit einem verminderten Hörvermögen rechtsseitig gelebt, dem ich keine große Bedeutung beigemessen hatte. Dann erlitt ich einen Hörsturz, trotz intensiver Infusionstherapie blieb ich taub auf dem rechten Ohr. Dass der damalige Leiter der HNO Abteilung des KH Lainz meine Taubheit zu einer psychischen Störung machte, werde ich ihm allerdings nie wirklich verzeihen können.
1979 bekam ich dann nach einem Flug in den Urlaub sekundenweise Sehausfälle, die ich zunächst auf die starke Sonneneinstrahlung zurückführte. Erst, als diese Ausfälle auch nach meiner Rückkehr nach Wien weiterhin auftraten, besuchte ich unseren "Familienaugenarzt". Nachdem er mir in die Augen geleuchtet hatte, wurde es hektisch. Erinnern kann ich mich nur an das Wort "Stauungspapillen" und an den relativ entsetzten Gesichtsausdruck des Augenarztes. Er veranlasste sofort zahlreiche Untersuchungen im AKH Wien für den nächsten Tag, was mich schon ziemlich beunruhigte. Noch mehr beunruhigte mich dann allerdings das, was ich zuhause in einem medizinischen Nachschlagewerk über Stauungspapillen las - ich dachte sofort an einen bösartigen Gehirntumor. Bei der augenärztlichen Untersuchung im AKH fiel mir spontan meine "Scheintaubheit" wieder ein. Als ich dem Arzt davon erzählte, ging alles sehr rasch. Neurologie, Schädel Scan, CT (??) und Diagnose. Meine Reaktion war für Außenstehende bestimmt sehr paradox: Ich war erleichtert !!! Erleichtert darüber, dass der Tumor gutartig war und besonders erleichtert darüber (ja, schadenfroh eigentlich), dass meine Taubheit REAL war. Nach zahlreichen weiteren Untersuchungen, vielen Visiten von HNO und NCH stand dann der OP Termin. Seitens der Ärzteschaft erhielten sowohl meine Eltern als auch ich die gleichen Informationen, was psychologisch gesehen sehr gut durchdacht war. Mittlerweile war ich doch ein wenig misstrauisch geworden, sowohl den Ärzten als auch meinen Eltern gegenüber. Entgegen der normalen Vorgehensweise, durfte ich meine Haare behalten, ein Zugeständnis seitens der NCH.
Die OP begann, das Warten für meine Eltern und meinen zukünftigen Mann auch. 13 Stunden lang. Ich wachte auf...auf der Intensivstation, mit einer Facialisparese, einem Stück Nervus Suralis weniger und...weiterhin taub. Danach folgte eine weitere OP, Liquorfistel. Erst nach der 1. OP erfuhr ich die Ausmaße dieser Operation und auch deren Folgen für mein weiteres Leben. Die Ärzte hatten bewusst Stillschweigen bewahrt, es war bereits vor der OP klar, dass sowohl der Hör- als auch der Facialisnerv nicht zu retten war, deswegen wurde gleichzeitig ein Nerventransplantat eingesetzt, um dem Gesichtsnerv die Möglichkeit zu geben, durch das Transplantat wieder zusammenzuwachsen. Es dauerte ca. 6 Monate, bis sich erste Erfolge zeigten - allerdings blieb es bei einer Defektheilung- bis heute.
Ihr fragt Euch vielleicht, weshalb ich meine Geschichte, die ja tatsächlich eine "alte" ist, überhaupt erzähle. Ich möchte Euch Mut machen, soweit mir das möglich ist. Jeder von uns hat eine andere Geschichte, einiges jedoch ist für uns alle ziemlich gleich: Die Angst vor diversen Komplikationen, die Unsicherheit, vielleicht sogar eine Art Hilflosigkeit der Diagnose gegenüber.
Die Fragen, die sich aufdrängen, wovon manche vorerst unbeantwortet bleiben müssen. Die Sorge darum, in welcher Qualität das Leben weitergeht, die Frage, ob man das durchstehen kann etc.etc. Ich persönlich lebe nun länger mit den Folgen dieser OP als ohne. Und ich gebe zu - ganz tief im Inneren ist ES immer da- das was sich geändert hat, das was mich von den Anderen unterscheidet. Ich sage aber auch: viele Menschen, ob es nun meine eigenen Kinder sind, oder ArbeitskollegInnen oder Freunde - viele kennen mich nur SO, wie ich seit 9/1979 eben bin. Alle wissen (und vergessen es trotzdem oft wieder
Ein tiefes Misstrauen, jeglichen Ärzten gegenüber, ist wahrscheinlich selbsterklärend. Ja, ich bin eine sehr unbequeme Patientin geworden, ich frage Zuviel, habe auch zu wenig Respekt (aus der Sicht der Anderen) vor Autoritäten, wenn ich glaube, dass "irgendetwas im Busch" ist (das Gefühl trügt mich selten
Ich stehe Euch sehr gerne zur Verfügung, wenn Ihr das wollt. Auch für kleine Tipps und Tricks, was den Umgang mit nur einem Gleichgewichtsorgan, einem hörenden Ohr und möglicherweise einer nicht ganz so funktionierenden Gesichtshälfte angeht. Es ändert sich vieles noch nach Jahren zum Besseren.
In diesem Sinne, alles Liebe für Euch, viel Kraft, Geduld und Unterstützung...ich bin DA, falls Ihr mich brauchen könnt !
Lg, SSU
