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 Betreff des Beitrags: Erfahrungsbericht Op in Halle 2017
BeitragVerfasst: 21.07.2017, 09:29 
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Dies ist nun Teil 2 meiner Erfahrung. Meinen Weg zur Op habe ich hier beschrieben: http://www.akustikusneurinom.info/forum3/viewtopic.php?f=1&t=1438

Die Op:
Am Mittwoch kam ich nach Halle in‘s Krankenhaus, machte die üblichen Prozedere durch (Anmeldung, OP- Aufklärung, Narkoseaufklärung, Hörtest, etc.) im üblichen Krankenhaus-chaos-Stil.
Abends gab es das letzte Essen und die Nacht über mehrere Wachepisoden, da mir doch so einiges im Kopf herum ging. 6:30 am Op-Tag dann die hübschen Strümpfe, Op-Hemd und die LMAA-Pill.
Die Rasur am Kopf und das Legen des Katheters sollte erst nach der Narkose gemacht werden (sehr nett!).
7:30 wurde ich in die Anästhesie geschoben (wo war bloß die Zeit hin???), die mich sehr freundlich begrüßte und mir versicherten, dass sie sich gut um mich kümmern würden. Ich sollte an etwas Schönes denken (hey, ich hab extra rückwärts zählen geübt!) - …… und dann wache ich im Aufwachraum auf: duseliges Licht, Stimmengewirr, irgendetwas drückt gewaltig an meinen Ohren, ich zittere unkontrolliert wie wahnsinnig am ganzen Körper, ist es schon vorbei? ein paar Menschen vor meinem Bett (ich kann nur verworrene Schemen sehen) und die Stimme des Professors irgendwo aus dem Hintergrund: es ist alles gut, sie konnten alles entfernen, es hat aber deutlich länger gedauert, als gedacht. Und meine aller erste, dahingekrächzte Frage? ‚Wie spät ist es?‘ - 20:45! Aha.
Irgendwann schleichen sich wahnsinnige Bauchschmerzen in mein Bewusstsein – das ist wohl der Hunger. Und noch etwas drängt sich da durch – es klingt doch alles nahezu normal, oder nicht? Und tatsächlich, der Anästhesist (oder wer auch immer) raschelt an meinem linke Ohr und ich kann es gut hören, durch den dicken Verband durch. Was für ein Gefühl!!! Was für ein riesiges Geschenk!
Ich kann mich nur verschwommen an die weiteren Stunden erinnern. Irgendwann liege ich auf der IMC, mir wird ständig in die Augen geleuchtet, die Geräte piepen andauernd, weil mein Puls zu langsam ist, hier eine Infusion, da ein Mittelchen. Schmerzen? Keine Ahnung! Ich fühle mich, als hätte mich ein LKW überrollt. Übelkeit? Ich glaube ja. Und dieser straffe Verband! Und mir ist so unglaublich heiß… Aber ich hatte den ersten Schritt geschafft!!

Die folgenden Tage verbrachte ich mehr schlafend, als wach. Meine Augen machten, was sie wollten, ich konnte kaum etwas erkennen, nichts fokussieren, alles sah ich doppelt oder dreifach und in ständiger Bewegung. Aufstehen konnte ich erst am zweiten Tag und das auch nur kurz. Mein Kopf schmerzte und ich musste ihn mit meinen Händen mit drehen, wenn ich die Seite wechselte. Keine Ahnung, wo meine Halsmuskeln waren. Der Katheter wurde auch am zweiten Tag entfernt. Das ‚auf die Toilette fahren‘ entpuppte sich zu einer echten Aktion, da ich nichts sah und sich alles so schnell drehte.
Am zweiten oder dritten Tag machte sich dann auch mein Facialisnerv beleidigt bemerkbar. Er wurde zwar nicht verletzt während der Op, aber durch die Anschwellung des Gehirns, wurde er komprimiert. Vor der Facialsiparese hatte ich fast am meisten Angst, und als sie dann eintrat, war es nicht so schlimm, wie gedacht. Aber bei mir war die Wahrscheinlichkeit auch nahezu bei 100%, dass es sich wieder geben wird!!!! Am dritten Tag konnte ich das linke Auge nicht mehr schließen und musste mir ständig Tropfen hinein geben und nachts einen Uhrglasverband tragen (den ich ganze 8 Wochen getragen habe). Das Hören hat sich ein klein wenig am 5. Tag verschlechtert. Ich hatte wie Watte in dem Ohr, alles klang blechern und auch undeutlicher und schiefer (Letzteres hat sich nach ca 3 Wochen gelegt). Und ein ständiges, hochfrequentes Rauschen wurden mein ständiger Begleiter, mit dem ich bis heute gut zurecht komme (vor allem auch durch die wertvollen Infos während der Reha). Während der Op wurde ein kleiner Nerv verletzt, der für den Geschmackssinn der Zunge zuständig ist. Mehrere Wochen schmeckte alles bitter-süß und etwas scharf. Aber auch das hat sich komplett gegeben. (Der Körper ist ein Phänomen)
Aufstehen und ‚Laufen‘ ging erst am vierten Tag. Da bin ich dann auch auf der Normalstation gelandet. Ich versuchte, so schnell wie möglich unabhängig zu werden um nicht ständig auf die Schwestern warten zu müssen. Das Laufen fühlte sich so absurd an, wie auf einem stark schwankenden Schiff (und ich meine wirklich stark)! Ich setzte die Füße einfach vertrauensvoll vor mich hin, einem nach dem anderen in der Gewissheit: da dreht sich nichts, das ist alles nur ‚Einbildung‘. Mir wird nichts passieren. Die ersten Male brauchte ich ewig zur Toilette (5 Meter), ich lief extrem breitbeinig, schwankte wie betrunken und tastete mich vorwärts, da ich ja nicht wirklich etwas sah.
Doch von mal zu mal wurde es ein klein wenig besser. Und ich kann Jeden hier nur ermutigen, so viel zu laufen und sich zu bewegen, wie möglich. Es ist das beste Training für das Gehirn, was gerade jeden Bewegungsablauf neu lernen muss (fast wie damals, als wir im Kindesalter laufen gelernt haben). Und je häufiger die Bewegungen geübt werden, um so schneller können sie als Bewegungsmuster abgespeichert und abgespielt werden.
Die Visite mit den Ärzten war immer sehr nett, wenn auch recht kurz.
Nach 8 Tagen wollte ich dann gerne nach Hause, da ich kaum schlafen konnte. Und das durfte ich dann auch. Allerdings fingen genau an diesem Tag die Schmerzen an, wieder mehr zu werden.
Ich erwähne es hier, da es das Einzige ist, was mich bis zum heutigen Tag, 4,5 Monate später begleitet.

Natürlich ist diese Zeit nach der Op sehr unterschiedlich für alle. Das ist ja bei all den Erfahrungsberichten hier im Forum sehr gut heraus lesbar. Ich bin gut mit meiner Situation zurecht gekommen. Auch wenn ich erst einmal Geduld und Langsamkeit lernen musste (beides in keinster Weise leicht für mich!), war ich sehr motiviert und guter Dinge. Das Einzige, was mich sehr verunsichert hat, waren die massiven Sehstörungen. Darauf war ich nicht vorbereitet. Das ist auch erst nach ca 3 Wochen besser geworden. Mittlerweile habe ich überhaupt keine Probleme mehr damit. Die Ärzte hatten mich damals auch beruhigt. Sie meinten, durch den Ausfall des Gleichgewichtorganes auf der linken Seite und/oder fehlerhaften Informationen von dort, versucht mein Gehirn sich mit Hilfe der Augen im Raum zu orientieren, um eine sinnvolle Position bestimmen zu können. Auch das muss erst geübt werden, bis das Gehirn sich an den Ausfall gewöhnt hat und die ‚normale‘ Raumorientierung wieder funktioniert.

Die Reha wollte ich unbedingt in Bad Nauheim machen (wegen eigener Recherchen, die Empfehlung einer Bekannten und des Operateurs). Es war eine kleine Zitterpartie, ob das wirklich klappen wird. Aber 10 Tage nach Entlassung kam das Ok der Rentenversicherung und knapp 3 Wochen nach der Entlassung ging es dann auf in die Reha.
Diese Zeit zu Hause vor der Reha habe ich auch tatsächlich zur Erholung gebraucht. Ich konnte die erste Zeit fast nur Liegen, mir war unglaublich übel vor Schmerzen, schwindelig ja sowieso noch, ich habe viel geschlafen und konnte eigentlich nicht wirklich für mich sorgen. Nach ca einer Woche wurde es besser. Ich habe mich ganz langsam auf die Strasse getraut und täglich meinen Spaziergang versucht zu erweitern. Es ging recht schleppend voran. Die Übungen für die Facialisparese machte ich mehrmals täglich, genauso wie die Schwindel-Übungen. Ich hatte ja Zeit. Und peu a peu konnte ich meinen Mundwinkel wieder etwas mehr heben, auf der Stirn stellte sich die erste, kleine Falte beim Brauenrunzeln wieder ein (was für eine Freude), das Auge konnte ich etwas fester zu kneifen, der Mund verzog sich beim ‚Froschkuss‘ nicht mehr so stark nach rechts… alles minimal, aber begleitet von einer großen Erleichterung.
Und ich habe versucht mein Gangbild wieder normal ausschauen zu lassen, auch wenn das Laufen dadurch schwieriger wurde, als wenn ich breit durch die Gegend gewatschelt wäre. Bis zum Reha-Antritt hat man mir beim Laufen eigentlich nur noch angemerkt, dass ich langsam und vorsichtig ging. Und wenn es abschüssig wurde, dann habe ich geschwankt. Aber was für eine Entwicklung im Vergleich zu den ersten Gehversuchen! Gut, in der Nacht sah das alles anders aus. Da habe ich weiterhin wie ein betrunkener Seemann auf Landgang gewirkt.
Die Reha-Erfahrung in Bad Nauheim gibt’s hier: http://www.akustikusneurinom.info/forum3/viewtopic.php?f=3&t=1441

_________________
32 J., w., akute Schwindelanfälle, dezentes Ohrgeräusch links, 01.12.'16 AN-Diagnose: 16x11x8mm, Op 3.'17 Prof. Strauss, vollst. Entfernung, kaum Hörverlust, Fascialisparese links für 8 Wochen, stärkerer Tinitus, Gleichgewichtsorganausfall links


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