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BeitragVerfasst: 28.04.2008, 17:15 
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Tips zum Gleichgewichtstraining nach AN-OP

- Es empfiehlt sich vorab das Lesen des vorangestellten Beitrages „Schwindel und Akustikusneurinom“. -

Während der Schwindel, der vor der OP eines Akustikusneurinoms bei vielen Betroffenen auftritt, mit der Entfernung des ANs verschwindet, entsteht nach der operativen Entfernung des ANs durch die Durchtrennung des Gleichgewichtsnerven bei einer Reihe von Operierten ein neues Gefühl von Schwindel. Der Störenfried, der vorher den Hör- und Gleichgewichtsnerv, vielleicht auch den Fazialisnerv und den Hirnstamm mehr oder weniger gedrückt hat, ist weg, aber der Gleichgewichtsnerv, die Verbindungsbahn ist zwischen dem Innenohr mit dem Labyrinth und dem Hirnstamm, der Schaltzentral für das Gleichgewichtssystem, dieser Nerv ist durchtrennt. Wie ein Beinamputierter sog. Phantom-Schmerzen im nicht mehr vorhandenen Bein spürt, weil irritierende Informationen vom Nervenende an das Gehirn geleitet werden, so kommen auch von dem Ende des durchtrennten Gleichgewichtsnerven irritierende Signale an den Hirnstamm. Im Hirnstamm und Kleinhirn, wo alle Signale zur Steuerung des Gleichgewichts zusammenlaufen, kommen also eine Reihe richtiger, vernünftiger Informationen an, aber auch Unsinn vom defekten Vestibularisnerven an.

Trotzdem muß das Gleichgewichtssystem damit fertig werden, denn der Körper muß stabilisiert, richtig im Raum positioniert werden (durch Anspannung von Muskeln und Beugung von Glenken). Wie soll das gehen, wenn dauernd Falschmeldungen vom Vestibularisnerven kommen? Die Lösung ist simpel gesagt: Das Gehirn muß lernen, diesen Informationssalat aus richtigen und falschen Informationen richtig zu deuten, so dass es die richtigen Steuerungsmechanismen einleitet. Die Falschmeldungen sind zu negieren. Und aus den verbleibenden richtigen Meldungen muß das Gehirn alle notwendigen Signale an die Muskeln und Gelenke senden.

Wie kann das Gehirn das lernen? Auch hier ist die Antwort simpel: Man muß den Körper in alle nur denkbaren Positionen bringen, und das (gestörte) Gleichgewichtssystem muß lernen, in jeder konkreten Situation (=Position des Körpers im Raum) die falschen Signale zu negieren und nur aus den richtigen die Steuerungsinformationen zu ziehen. Und das möglichst oft, damit ein Lerneffekt eintritt. An dieser Stelle wird auch klar, warum ein junger Mensch in der Regel dieses Manko besser und schneller ausgleicht, nämlich, weil bei ihm die Prozesse noch nicht so eingefahren sind wie bei älteren Menschen. Aber es ist bei jedem Menschen möglich. Nur der Aufwand ist unterschiedlich. Eigentlich reichen die „normalen Alltagsbewegungen“ aus, um das Gleichgewichtssystem an die neuen Bedingungen zu gewöhnen. Indem man den Körper aber bewusst und gezielt in bestimmte Positionen bringt, kann man diesen Lern- und Kompensationsprozeß beschleunigen. Die Übungen sollen einfach und fast überall und immer durchführbar sein. Ich habe sie mir ausgedacht und mit Erfolg angewandt

Grundprinzip ist das Bewegen, d.h. das Gehen. Dabei sind Kopf, Rumpf und Gliedmaßen wechselnd in die Bewegung einzubeziehen. Besonders wichtig sind die Bewegungen des Kopfes und der Augen, die Bodenbeschaffenheit und die Geschwindigkeit (bzw. die Beschleunigung). Das resultiert aus deren Bedeutung für ein gut funktionierendes Gleichgewichtssystem (siehe vorangestellten Beitrag). Es reicht völlig, einfach zu gehen, und dabei nach und nach kleine Erschwernisse einzubauen. Durch Kombination von Erschwernissen kann man unzählige Übungen kreieren.

Übungsbeispiele:
1) Einfach gehen, Augen nach unten auf den Boden gerichtet (leicht). Augen höher richten, bis in den Himmel (erschwert bis schwer, weil Bezugspunkte fehlen). Augenstellung während des Gehens langsam wechseln (erschwert), schneller wechseln (schwer).
2) Einfach gehen, Augen nach vorn (leicht). Blick über die Schulter nach links richten (erschwert). Blickrichtung beim Gehen von links nach vorn und zurück wechseln (schwer). Blickrichtung von links nach rechts wechseln und zurück (sehr schwer). Steigert man hier noch das Tempo des Blickwechsels, hat man weitere Übungsvarianten.
3) Gehen auf verschiedenen Untergründen: glatt und fest (leicht), Gras, Kies oder Sand (erschwert), dicker Teppich (erschwert). Auf den verschiedenen Untergründen kann man alle Übungen aus 1) und 2) ausführen.
4) Gehen mit Schuhen mit festen Sohlen (i.a. leicht), mit weichen Sohlen (erschwert), ohne Schuhe (erschwert, bei weichem Untergrund schwer). Hier lassen sich Kombinationen aus 1), 2) und 3) ausführen.
5) Gehen mit normalem Fußabstand (Hüftbreite - leicht). Gehen wie die Mannequins (Kinder sagen „Kaffeebohnen zählen“ - schwer). Auch hier sind wieder Kombinationen möglich.
6) Gehen, indem man einen möglichst großen, aber leichten Gegenstand mit beiden Händen seitlich hält (erschwert), den man dann von Seite zu Seite wechselt (schwer). Gehen, indem man einen kleinen Gegenstand (z.B. Tennisball) hochwirft und auffängt.
7) Balanceübungen auf wackligem Untergrund. Das kann eine Wippe, ein Kugelsegment, ein
Luft- oder Wasserkissen o.ä. sein (erschwert). Kombiniert man hiermit die Übungen aus 6), wird es schwer.
8) Versuchen, einige leichte Übungen mit/auf einem Bein zu machen.
9) Im Knien oder Stehen sich vom Partner schubsen lassen - leichte Stöße aus wechselnden Richtungen - dabei versuchen, sich immer wieder abzufangen und gerade zu bleiben.
10) Gehen im Dämmerlicht oder im Dunklen. Das sollte anfangs vorsichtig im Zimmer, kann dann mit Händchenhalten auch im Freien geübt werden. Das ist die größte Herausforderung, weil der Sehsinn neben dem Gleichgewichtsorgans des Innenohrs das wichtigste Element des Gleichgewichtssystems ist. Bei absoluter Dunkelheit werden wohl bei allen Operierten für immer Defizite bleiben. Übrigens spielt das beim geliebten Autofahren generell und speziell in der Dunkelheit keine Rolle, denn da sitzt man quasi stabil, mit Rückenkontakt und Gesäßhaftung und kann nach einiger Zeit den Kopf drehen und hat ein ruhiges Bild, auch bei Dunkelheit mit Scheinwerferlicht.

Auch Sport trägt zur Kompensation des einen ausgefallenen Gleichgewichtsorgans bei. Effektiv sind hierfür z.B. Tennis und Federball (Badmington), letzteres besonders, weil dabei oft in den Himmel mit wenigen Bezugspunkten geschaut wird. Auch Tanzen ist eine tolle Trainingsmöglichkeit. Ich habe nach der AN-OP mit meiner Frau jahrelang Tanzstunden besucht. So nebenbei haben wir das Tanzabzeichen in Bronze, Silber und Gold abgelegt (kleiner Tip für die Männer: damit kann man bei seiner Frau unheimlich punkten.).

Kann man etwas falsch machen? Ja. Falsch ist, zu viel zu schnell zu wollen. Falsch ist aber vor allem, das Problem „aussitzen“ zu wollen und sich ruhig zu stellen, weil einem ja sooo schwindlig wird. Die NASA hat festgestellt, dass bereits nach sieben Tagen Bettruhe der Gleichgewichtssinn erheblich gestört ist. Bewegung heißt die Forderung, denn Bewegung ist Leben.. Wie bei vielem im Leben gilt auch hier: Systematik, Fleiß und Geduld zahlen sich aus.

Ich hoffe auf gute Erfolge bei den mittlerweile vielen operierten Forumslesern.

Beste Grüße von
ANFux.

PS:
Ich füge hier einen Auszug aus einen meiner anderen Beiträge im Forum ein, der sich mit Übungen gegen das "Wackeln des Bildes" beschäftigt. Er war an unser Forumsmitglied an gerichtet.:

Zitat:
Zum Augenreflex und der Tatsache, dass Dein „Blick immer noch bei jeder Bewegung wackelt“ noch ein paar Sätze. In meinem Erfahrungsbericht gleich am Beginn der Rubrik "Lebensqualität nach einer OP" habe ich u.a. geschieben:

Meine Empfindungen beim Gehen schilderte ich meinem Operateur damals so: Mir ist, als ob mein Kopf wie ein übermäßig großer Kürbis auf einem langen dünnen Besenstiel sitzt und beim Gehen wackelt, federt. Die Welt vor mir sehe ich so, wie sie eine Kamera sieht, die am Helm eines Skifahrers befestigt ist, der für das Fernsehen eine wellige Abfahrtspiste hinabfährt.

Ich habe mir wegen anfangs fehlendem Therapeuten selbst Uebungen dagegen ausgedacht und gemacht, mit Erfolg:

Ich habe mich zu Hause vor die Wand gestellt und ein Bild angeschaut. So hatte ich eine Senkrechte und eine Waagerechte (wenn das Bild gut aufgehängt ist). Nun habe ich den Kopf bewegt. Drehen um die Hals-Achse. Seitliches Neigen durch Beugen auf eine Schulter. Nach vorn kippen durch Fallenlassen und Heben des Kopfes. Alles mit wechselnder Schwierigkeit: Langsam, dann schnell. Mit offenen, dann mit geschlossenen Augen. Im Stand, dann immer eine ganze Körperdrehung. Das alles im fortgeschrittenem Zustand kombiniert, d.h. also als Schwierigstes auch mal schnell drehen mit geschlossenen Augen.
Ich habe die Zeit gemessen (einfaches Zählen reicht), die vergeht, wenn ich z.B. nach dreimaligem Kopfdrehen die Augen auf den senkrechten Bildrahmen fixiere, bis das Bild ruhig steht. Der Bilderrahmen zuckte eine Weile, bis er ein gerader, ruhiger Strich war. Genauer gesagt, hat mir meine Frau dabei geholfen. Durch das Notieren der Zeiten habe ich gesehen, dass ich durch Ueben besser wurde. Das ist moralisch sehr wichtig.

Diese Uebungen mögen manchem albern vorkommen, aber ich habe sie durch rationales Denken mir erarbeitet, und sie haben geholfen. Es kommt nicht auf besonders raffinierte Dinge an, sondern auf effektive. Wie ich in oben zitierten Beiträgen schon schrieb: Der Körper muss genügend oft in alle nur denkbaren Lagen und Situationen versetzt werden, dann lernt er auch wieder, damit umzugehen. Er lernt, die Fehlinterpretationen von einer kranken bzw. defekten Seite mit den richtigen Informationen der gesunden Seite und den anderen Informationen von Gelenken, Muskeln und Sehnen in Einklang zu bringen, sie richtig einzuordnen, so dass die körperliche nreaktionen wieder die alten sind. Geduld und Fleiss sind wichtiger als raffinierte Kombinationen mit irgendeinem patentierten Namen. Wie ich Dich einschätze, wirst Du es probieren. Ich wünsche Dir Erfolg.
Ende des Zitats.

_________________
1939, m. '94 transtemp. OP (15 mm) in Magdeburg/Prof. Freigang, einseitig taub, kein Tinnitus, keine Fazialispar. Rehakur in Bad Gögging. '96-'04 im Vorstand d. VAN in D, seitdem Beratungen zum AN. Ab '07 Moderator, ab '08 Homepage-Verantwortl.(bis 2012)


Zuletzt geändert von ANFux am 08.02.2011, 12:25, insgesamt 1-mal geändert.
Ergänzungen zum "Wackeln des Bildes"


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BeitragVerfasst: 14.09.2010, 16:57 
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Registriert: 12.01.2010, 12:17
Beiträge: 71
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Geburtsjahr: 1948
Diesem Hinweis von Manu war ein Beitrag von Felicitas vorausgegangen, in dem sie den Fall ihres Partners schilderte. Dieser Beitrag führt jetzt ein eigenes Thema an ("Extremer Schwindel nach tw. Erhalt des Gleichgewichtsnervs"). ANFux

Hallo Felicitas,

Gleichgewichtstraining nach AN-OP

Hierzu hat ANFux einen hervorragenden Bericht geschrieben,diesen solltest du zuerst mal lesen.

Gruß Manu

_________________
1948, m. AN links von 4x4,5x3cm OP 07/2009 in Unikl. Düsseldorf durch Dr. Hänggi. Bestrahlung Resttumor im Gamma Knife Krefeld 11/2009.
einseitig taub,starkerTinnitus links


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BeitragVerfasst: 15.09.2010, 10:30 
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Registriert: 14.09.2010, 15:37
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Geburtsjahr: 1967
Hallo Manu,

den Bericht habe ich gelesen und ihn gestern meinem Lebensgefährten gegeben. Der Bericht hat ihn schon beeindruckt und wir werden jetzt jeden Tag die Übungen machen. Aber langsam, damit er nicht wieder sofort Kopfschmerzen bekommt.

Leichter wäre es für ihn, wenn er einen Therapeuten hätte, der die Übungen mit ihm machen könnte. Nur alle die wir kennen, sind nicht darauf eingestellt Gleichgewichtsprobleme zu behandeln. Vielleicht hat ja doch noch jemand einen Guten Rat oder Adressen, wo er hingehen kann.

Ich weiß, man soll Geduld haben, aber das ist nicht immer seine Stärke.
Gruß
Felicitas


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