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 Betreff des Beitrags: Reha in Bad Nauheim 2017
BeitragVerfasst: 21.07.2017, 09:33 
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Dies ist Teil 3 meines Erfahrungsberichtes. Zum Erfahrungsbericht der Op in Halle gehts hier: http://www.akustikusneurinom.info/forum3/viewtopic.php?f=2&t=1440

Die Reha:
Die Reha sollte im sehr weit entfernten Bad Nauheim sein. Sie sind dort spezialisiert auf Patienten mit Schwindel (mein Hauptsymptom), Schwerhörigkeit und Tinnitus. Dabei ist zu beachten, dass es sich für diesen Zweig NICHT um eine Anschlussheilbehandlungs-Klinik handelt, sondern um eine REHA-Klinik. Ein weiterer Zweig ist die Orthopädische Anschlussheilbehandlung.
Nunja, es war eine anstrengende und sehr bereichernde und unterstützende Zeit.
Ich hatte mehrere Termine täglich. Am meisten hat mir die Gleichgewichtsgruppe (jeden Tag) geholfen. Mit den einfachsten Übungen (zB. Einen Fuß eng vor den anderen setzen, dabei hoch und runter schauen) kamen wir unglaublich in‘s Schwitzen und ich habe gemerkt, wie stark mein Gehirn dadurch beansprucht wurde. Die ersten Wochen war ich den ganzen Tag über sehr müde und unkonzentriert. Das hat sich mit der Zeit etwas gelegt (obwohl meine Konzentrationsspanne momentan immer noch recht kurz ist). Die Gespräche mit den Ärzten waren ok, wenn auch wenig informativ. Dafür gab es mehrmals Vorträge über diverse Themen (Angst, Tinnitus, Schwindel, ...), die mir im Umgang mit meiner Situation sehr weiter geholfen haben und mir in vielerlei Hinsicht eine Erklärung gaben und somit Mut machten. Und da es mich am meisten mit betroffen hat, möchte ich Euch hier einen kurzen (unvollständigen) Abriss zum Thema Angst und Schwindel geben. Natürlich gibt es hierzu viele Meinungen und Thesen, aber für mich ergaben sich einige große AHA-Momente. Ich habe mich und meine Erlebnisse darin wieder erkannt und konnte verstehen und erstmals auch annehmen, dass und warum die Psyche alles mit beeinflusst. Falls es in diesem Forum eher ungern gesehen wird, wenn solche medizinischen Thesen weiter gegeben werden, dann bitte ich Euch (ANFux und Snowdog) mir dies mit zu teilen. Ich lösche es aus dem Beitrag auch wieder heraus. Ich weise also nochmal ausdrücklich darauf hin, dass dies von mir zusammen gefasst und mit eigenen Worten wiedergeben ist und in keinster Weise für alle zutreffen muss.

Wer einmal richtig heftigen Schwindel hatte, weiß, dass es sich sehr schnell ‚lebensbedrohlich‘ oder zumindest unkontrollierbar und beängstigend anfühlen kann.
Dieses Gefühl merkt sich unser Gehirn und kann es zunehmend schneller aus einer Situation herausfiltern – sozusagen unter die Lupe nehmen, da es sich ja bedrohlich angefühlt hat. Und bedrohliche Situationen will unser Gehirn aus einem Überlebensreflex heraus natürlich vermeiden.
Was passiert, wenn man Dinge unter die Lupe nimmt? Genau, sie werden größer. Und somit ‚vergrößert‘ sich auch das Schwindelgefühl. D.h. ein Schwindel, der gar nicht so stark war, wird plötzlich als viel stärker wahr genommen, da es sich ja eventuell um eine Bedrohung handelt. Und diese Spirale geht sehr schnell nach oben und ist auch sehr schnell mit Angst behaftet. So ist es mir ergangen. Am Anfang waren die Schwindelsituationen nicht so stark, ich hatte auch keine Angst. Aber natürlich fühlte es sich sehr unangenehm an. Bei den nächsten Malen war es stärker und zuletzt löste jeder Wahrgenommene Schwindel eine ziemlich große Symptom- und Gefühlskaskade aus und war auch mehr und mehr mit Angst verbunden (wobei die immer NACH dem Schwindelbeginn kam und nie davor).
Bei mir gab es durch den Tumor, der sehr hartnäckig mit dem Gleichgewichtsnerv verwachsen war, einen ständigen Auslöser für den Schwindel bzw die Unsicherheit.
Nun kommt ein weiterer, interessanter Aspekt dazu: Wenn wir Angst oder Stress haben, wird in unserem Körper alles mobilisiert, damit wir entweder kämpfen oder flüchten können. Der Herzschlag geht hoch, die Atmung wird schneller, es wird Energie bereit gestellt…. UND: es wird uns leicht schwindelig. Das nimmt man normaler Weise kaum oder überhaupt nicht wahr, wenn man nicht ganz, ganz genau hinhört. Aber wenn unser Gehirn auf Schwindel spezialisiert ist, dann bemerkt es den sofort. Was passiert? Es entsteht ein Teufelskreislauf: Schwindel verursacht Stress, Stress verursacht Schwindel, dieser Schwindel verursacht wiederum irgendwann Angst...
Um da wieder heraus zu kommen, so die These der Vortragenden in der Reha-Klinik, muss man sein Gehirn wieder umprogrammieren und natürlich den Schwindeltrigger, wenn es denn eine körperliche Ursache dafür gibt, ausschalten. Ich hatte das große (psychische) Glück, dass ich mir immer wieder sagen konnte, der Tumor ist draußen, der Schwindel ist nur noch da, weil sich mein Gehirn umgewöhnen muss. Aber es ist nichts Gefährliches und es wird sich geben.

Ich war 4 Wochen in der Klinik und bin im Nachhinein sehr froh, dass ich dort gewesen bin.
Das Einzige, wobei sie mir nicht helfen konnten, waren die persistierenden Kopf- und Nackenschmerzen. Die Massage und die Einzel-Krankengymnastik waren zwar angenehm, haben aber nichts verändert. Ich nahm immer noch 3x täglich Schmerzmittel (meist Ibuprofen 400 im Mix mit Novalgin und Paracetamol). Dies zwar nach Bedarf, aber ich konnte es einfach nicht reduzieren. Und selbst mit der Medikation hatte ich nur wenige Stunden am Tag, die ich wirklich schmerzfrei war. Laut den Ärzten vor Ort auch immer noch normal. Ok! Und verursacht es eine Abhängigkeit? Nein, aber natürlich wäre es gut, die Medikamente zu reduzieren. Janun, das ist mir klar. Aber wie?

Hier noch ein paar Rundum-Infos: Die Klinik ist sehr schön gelegen, gleich neben dem Wald und ich glaube alle Balkons der Patientenzimmer hatten Blick darauf. Bad Nauheim ist an sich halt ein kleiner Kurort, mit einem guten kulturellen Angebot für diese Größe, sehr netten Lädchen, Cafes und Bars. Auch die Umgebung (Taunus, Bad Homburg, …) ist einen Besuch wert!
Das Personal war in allen Bereichen (bis auf einen Arzt), sehr freundlich und auf ihrem Gebiet bewandert. Von meinen Mitstreitern gab es unterschiedliche Zufriedenheitsbekundungen über Ihren Behandlungsplan. Manche hatten teilweise am Tag nur 1-2 Termine und mussten für Ihre Behandlungen einstehen. Aber ich glaube, das hat man in jeder Reha-Einrichtung. Ich hatte mehr als genug! Und konnte auch bei der Visite um Veränderungen im Behandlungsplan bitten.
- Es gab 1-2 psychologische Einzelgespräche und ärztliche Gespräche.
- Ca Einmal pro Woche: ärztliche Visite, Massage, Hydrojet-Massage (ein Massagebett), Qi-Gong, Musiktherapie, Progressive Muskelentspannung, Muskelaufbautraining im Fitnessstudio, Rückenschule
- Mehrfach pro Woche: die bereits erwähnte Gleichgewichtsgruppe (täglich), im kleinen Rahmen und unter mediatorischer Leitung Gesprächsgruppen für Schwindelbetroffene (eine andere Gruppe war für Menschen mit Hörminderung), sehr viele Angebote für Menschen mit einem Chochlea-Implantat (darauf ist diese Klinik spezialisiert, zB. Hörtraining, Einstellung der Implantate bzw auch der Hörgeräte, man konnte Hörgeräte zum Ausprobieren ausborgen...), Nordic-Walking,
- Dauerhaft: Zugang zu Sauna, Schwimmbad und Hometrainer
Das Essen war in Ordnung, selbst für mich ,Halbvegetarier‘ und Gemüse-Salat-Junkie. Ich war vor allem froh, dass ich nicht selber kochen musste und dafür habe ich meine Ernährungsgewohnheiten gerne umgestellt. Reichhaltiges Salatangebot am Abend, zum Mittag 3 Hauptgerichte aus denen man wählen konnte. Ok, das Frühstücksbuffet war nicht wirklich abwechslungsreich, aber das ist Kritik auf hohem Niveau.
Die Einzelzimmer waren ok und mit Balkon und Fernseher ausgestattet. Während der Woche gab es auch kulturelle Veranstaltungen und wie erwähnt, die medizinisch relevante Vorträge.

Ich bin krank geschrieben entlassen worden und hätte mir auch gar nicht vorstellen können zu arbeiten. Ich habe mich Mittags meistens nochmal hin gelegt und geschlafen, weil ich so erschöpft war. Und meine Konzentrationsfähigkeit war weiterhin eher eingeschränkt (womit ich laut der Ärzte auch bis mindestens ein Jahr nach der Op rechnen muss). Die Facialisparese war deutlich am Abklingen, die Gangunsicherheit habe ich kaum noch wahr genommen (nur wenn ich mich schnell bewegt habe, müde war oder es dunkel wurde)… mir gings gut und ich war weiterhin sehr optimistisch. Und laut dem Hörtest hier konnte ich auf dem operierten Ohr immer noch zu 95% hören. Für mich überhaupt das größte Wunder. Gerade nach dem Aufenthalt in der Reha, war ich mir dessen noch deutlicher bewusst.

_________________
32 J., w., akute Schwindelanfälle, dezentes Ohrgeräusch links, 01.12.'16 AN-Diagnose: 16x11x8mm, Op 3.'17 Prof. Strauss, vollst. Entfernung, kaum Hörverlust, Fascialisparese links für 8 Wochen, stärkerer Tinitus, Gleichgewichtsorganausfall links


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 Betreff des Beitrags: Re: Reha in Bad Nauheim 2017
BeitragVerfasst: 21.07.2017, 16:03 
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Liebe Flowers7, liebe Forenleser,

vorausschickend 2 Gründe, weshalb ich an dieser Stelle auf diesen
sehr wertvollen und interessanten Beitrag antworten möchte:

1. der Reha-Bericht bildet den Abschluss einer Trilogie –
die Lektüre der beiden ergänzenden Beiträge sei allen Ratsuchenden
ausdrücklich empfohlen. Ob mit Hilfe der Direktverlinkung oder chronologisch
über die Forenthemen mag jeder nach persönlicher Vorliebe wählen,
jeder Abschnitt steht für sich und bildet ein abgeschlossenes Kapitel.

2. Unter dem Aspekt „medizinischer Thesen“ richtet sich die Frage an
die Forenmoderation – eine Antwort passt also hier am besten hin.

Liebe Flowers7, zu diesem tollen OP-Ergebnis darf man Dir aus vollem
Herzen gratulieren, ohne Zweifel ein guter Ausgang und wahrlich Grund
zu Optimismus und Erleichterung.

Mit deinem Erfahrungsbericht ist Dir eine hervorragende
Situationsbeschreibung gelungen, die für unterschiedlich Betroffene
gleichermaßen hilfreich sein kann. Bereits Operierte werden viele
Momente wiedererkennen, Entscheidungssuchende finden wichtige
Aspekte für die „gedankliche Projektion“ der persönlichen Planung.

Der erfreuliche Therapieverlauf (gemeint ist hier ausdrücklich die
Kombination aus Operation und Reha-Nachsorge) unterstreicht ein
weiteres mal, dass die Entscheidung zur Therapie nicht ausschließlich
an einer konkreten Prognose ausgerichtet werden sollte.
Gründliche Information und ein tiefes Vertrauensverhältnis zum
Operateur müssen zu tragfähigen Entscheidungshilfen entwickelt werden –
das unverzichtbare Rüstzeug für die nicht vorhersehbaren konkreten
Symptome nach dem Eingriff. Ein gewisser Zwang zum Optimismus
und Zuversicht kann dabei helfen, Garantien gibt es aber auch hier leider
keine.

Das Gefühl der Erleichterung, die die Diagnose „gutartiger Hirntumor“
ausgelöst haben mochte, mag für Nichtbetroffene missverständlich
klingen – doch beschreibt es ziemlich exakt das negative Potenzial
der Ungewissheit, mit der eine bedrohliche Symptomatik rat- und
hilflos durchlitten werden muss. Die Heftigkeit schwankt auch hier
individuell, nicht jeder empfindet gleich, aber entlastend und
entspannend wird die Gewissheit dort, wo sich bisher unerklärliche
Beschwerden plötzlich in ein klares Bild setzen.

Die Frage zur gewünschten Weitergabe medizinischer Thesen
berührt aus meiner Sicht den Kern einer Meinungsplattform grundsätzlich,
das Forum ist der Platz zum Austausch von Erfahrungen, Fragen und
Problemstellungen rund um das Thema Akustikusneurinom.
Die thematische Gliederung weist das Thema Schwindel explizit in
einem Forenbereich aus, Schwindel ist für AN-Betroffene ein spezifisches
Symptom und nimmt als solches eine Sonderstellung ein.
Weil Ursache und Ausprägung von Schwindel so vielschichtig gelagert
sind, kann eine gründliche Beschäftigung mit Therapieansätzen der Sache
nur dienlich sein.
Hält man sich vor Augen, dass es die eine Ursache und einzig wahre
Erklärung nicht geben kann, nähert man sich der erwünschten
Hilfestellung – was davon funktioniert für mich und was trifft
auf meinen Fall zu ?

Die Darstellung der Prozesse und Wechselwirkungen klingen plausibel,
ob ihnen eine generelle Aussagekraft zukommt, lässt sich in Grenzen
im Selbstversuch ausprobieren. Was Du als "Teufelskreislauf" bezeichnest,
ist so ähnlich bei der Schmerztherapie zu beobachten – hier gibt es ein
sog. Schmerzgedächtnis, dass im Zusammenhang wiederkehrender Prozesse
steht.

Wir können gemachte Erfahrungen für uns nutzen, dafür bietet sich
das Forum an. Ein persönlicher Erfahrungsbericht stellt keinen
Absolutheitsanspruch, er beschreibt aber einen Erkenntnisgewinn.
Im günstigen Fall ist dieser übertragbar.

Du blickst auf einen sehr positiven Heilungsverlauf zurück, OP-Resultat
und Reha-Fortschritte sind richtiggehend Erfolgsmeldungen. Die
bestehenden Kopf-und Nackenschmerzen sind leider oft zu
beobachtende lästige Begleiterscheinungen - da Du als „frisch operierst“
durchgehst, ist die Waffe Schmerzmittel opportun.
Bewegung, Ruhe, Schonung, frische Luft, ausgiebig trinken,
angemessene Schlafphasen - dein Körper antwortet Dir auf diese Form
der Unterstützung (was er im Grunde ja auch mit den Kopfschmerzen macht...)

Ich wünsche Dir gute Fortschritte bei der Rückkehr in den Alltag und freue mich
auf deine hoffentlich folgenden Updates hier im Forum ! ;)

Herzliche Grüße
snowdog

_________________
snowdog (Moderator seit 4.12) Jg.62,m,verh.,2 Söhne,
AN re.5x8 mm,n-c. suboccipital AN-OP in Offenbach 4.08,
postoperativ Liquorfistel,keine Fazialisparese, einseitig taub,chron.Kopfschmerzen,jährl.Kontroll-MRT f.d.ersten 5 J.


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