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 Betreff des Beitrags: Schwindel und Akustikusneurinom.
BeitragVerfasst: 28.04.2008, 17:04 
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Schwindel und Akustikusneurinom

Wenn die räumliche Orientierung beim Menschen gestört ist, spricht man von Schwindel. Die Beschwerden, die dann auftreten, reichen von einem Gefühl des Drehens, des Schwankens oder Kippens über Gangunsicherheiten und Fallneigungen bis zum Schwarzwerden vor den Augen. Aber auch Übelkeit, Brechreiz und undefinierbare Kopfschmerzen können auftreten.

Schwindel, egal in welcher Ausprägung, ist keine Krankheit, sondern ein Symptom, ein Anzeichen für eine „unnormale Situation im Körper“, eine Fehlermeldung des Gehirns, ein Alarmzeichen, dass etwas nicht stimmt.

Die wichtigsten Ursachen für Schwindel sind Durchblutungsstörungen von Gehirnregionen und Sinnesorganen. Und das ist die Verbindung zum Hirntumor Akustikusneurinom!

Das Gehirn meldet Alarm in Form von Schwindelerscheinungen, wenn es zu einer Störung des Gleichgewichtssinnes gekommen ist. Der Gleichgewichtssinn ist ein sehr komplexes System, an dem drei Sinnesorgane, zwei Hirnregionen und das Rückenmark beteiligt sind:

- Im Innenohr, im sog. Gleichgewichtsorgan, werden Beschleunigungen und Drehbewegungen registriert (Bewegungen nach vorn/hinten, oben/unten und nach links/rechts), außerdem werden die lineare Beschleunigung und die Schwerkraft wahrgenommen. Zudem trägt auch der Hörsinn zur räumlichen Wahrnehmung bei.
- Der Sehsinn gewährleistet, dass die Dinge, Gegenstände und Ereignisse in der Umgebung unseres Körpers wahrgenommen werden. Die Verschaltung des Gleichgewichtsorgans mit den Augenmuskeln z.B. ermöglicht die visuelle Wahrnehmung eines stabilen Bildes auch bei Kopfbewegungen.
- Tiefensinn und Tastsinn in den Muskeln, Sehnen und Gelenken (sog. Propiozeptoren) geben Meldungen an das Gehirn über die Lage, Stellung und Lageveränderung der Körperteile und Gliedmaßen. Das betrifft quasi alle Körperregionen. Besonders wertvoll für die Lageempfindung des Körpers sind aber die feinen, kleinen Muskeln im Halsbereich, entlang der Wirbelsäule und in den Fußsohlen.
- Das Rückenmark ist der große Leiter von Nervenempfindungen. Im Hirnstamm und Kleinhirn liegen spezielle Nervenzellen, in denen die Informationen aus den verschiedenen Sinnesorganen zusammenlaufen und verarbeitet werden. Danach werden über Nervenbahnen Impulse an verschiedene Gehirnregionen, aber auch an Muskeln gegeben, wodurch die stabile Lage des Körpers im Raum gewährleistet wird. Der Körper bleibt also stabil, auch wenn man sich dreht, bückt, sich schnell oder langsam, kreisend oder linear bewegt, sich nach vorn, zur Seite oder nach hinten beugt, usw. Die Muskeln spannen oder entspannen sich und stellen die Gelenke in einen bestimmten Winkel, so dass man nicht umkippt und zudem alles klar und ruhig sieht.

Das ist also ein wahrhaft komplexes System, aber auch ein sensibles. Wenn eines der beteiligten Sinnesorgane erkrankt ist oder wenn der Informationsweg, also die Nervenbahnen gestört oder beschädigt sind, gelangen fehlerhafte Informationen an die Nervenzellen im Hirnstamm. Genau das ist der Fall, wenn ein Akustikusneurinom im knöchernen Gehörgang oder im Kleinhirnbrückenwinkel auf den Hörnerv oder den Gleichgewichtsnerv drückt.
Liegt eine Störung direkt im Gleichgewichtszentrum vor, werden die von den Sinnesorganen, Muskeln und Gelenken (richtig) einkommenden Informationen falsch verarbeitet. Genau das passiert, wenn das Akustikusneurinom so groß geworden ist, dass es bereits auf den Hirnstamm drückt. Es entsteht ein richtiger Datensalat, ein Datenkonflikt, eine Verwirrung im Hirnstamm. Dieser Zustand wird an die Hirnrinde und an das vegetative Nervensystem gemeldet, was daraufhin mit den besagten Schwindelgefühlen reagiert.

Diese vereinfachte Erläuterung des Entstehens von Schwindel soll zeigen, dass wir Akustikuneurinom-Betroffenen zweimal im Krankheitsverlauf mit dem Schwindel in Berührung kommen (können): zum ersten Male, wenn das Akustikusneurinom wächst und auf die Nerven drückt und zum zweiten Male, nachdem bei der operativen Entfernung des Tumors der Gleichgewichtsnerv durchtrennt wurde, was zur vollständigen Entfernung des Tumors bei Schonung des Gesichtsnerven oft notwendig ist, unabhängig vom Operationsweg.
Hier stand bisher die Aussage "quasi immer notwendig". Das konnte ich nicht mehr stehen lassen, weil es sehr guten Operateuren heute durchaus gelingen kann, den Tumor vollständig zu entfernen und dabei den Fazialis- sowie den Hörnerv zu erhalten - und das alles, ohne den Gleichgewichtsnerv durchtrennen zu müssen. Aber das ist nicht die Regel. Hier sind Operateurerfahrungen und günstige Größe, Lage und Ausbildung des Tumors Voraussetzung!

Das Ausmaß des Schwindels vor der OP ist dabei recht unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab, z.B. von der Größe, Form und Lage des ANs, sowie von der Dauer der Nervbeeinträchtigung. Dieser Schwindel verschwindet mit dem Verschwinden seiner Ursache, also mit der Beseitigung des ANs. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Schwindel selbst wieder andere Beeinträchtigungen nach sich ziehen kann, die aber dann auch verschwinden, wenn der Anlaß für den Schwindel weg ist. Schwindel beunruhigt den gesamten Körper. Der Körper nimmt Abwehrstellung ein. Es wird Adrenalin ausgestoßen. Das kann zu Angstgefühlen, Herzrasen, Engegefühl im Hals und in der Brustgegend wie bei einer Herzattacke führen. Das habe ich fünf Jahre bis zur Entdeckung meines ANs durchgemacht.

Inwieweit Schwindel nach der OP auftritt und wie stark er ist, hängt davon ab, wie lange das AN im Körper war, wie sehr es in dieser Phase das Gleichgewichtssystem beeinträchtigt hatte und vor allem davon, wie gut sich der Körper bereits auf diese Irritationen eingestellt und den Systemausfall kompensiert hatte. So ist der Zustand nach der OP bei manchem Operierten fast so wie vor der OP, obwohl der Nerv bei der OP durchtrennt wurde. Der Betroffene empfindet nach der OP keinen, nur einen geringen und/oder nur einen kurzzeitig wirkenden Schwindel. Wessen Gleichgewichtssystem aber vor der OP noch völlig intakt war, der empfindet die Durchtrennung des Gleichgewichtsnerven relativ stark.

Das Gute aber ist: Der Körper kann den Ausfall des Gleichgewichtssystems gut kompensieren. Durch Training kann man das fördern. Wie das geht, wird in einem anderen Beitrag geschildert. Die Tatsache, daß der Ausfall einer Seite des Gleichgewichtssystems durch Zusammenspiel der anderen "gesunden" Seite und anderer Sensoren kompensiert werden kann, nennt der Mediziner vestibuläre Kompensation.

ANFux

_________________
1939, m. '94 transtemp. OP (15 mm) in Magdeburg/Prof. Freigang, einseitig taub, kein Tinnitus, keine Fazialispar. Rehakur in Bad Gögging. '96-'04 im Vorstand d. VAN in D, seitdem Beratungen zum AN. Ab '07 Moderator, ab '08 Homepage-Verantwortl.(bis 2012)


Zuletzt geändert von ANFux am 05.10.2010, 12:46, insgesamt 1-mal geändert.
Hinweise zur Durchtrennung des Gleichgewichtsnerven und Begriff "vestibuläre Kompensation"


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